Schweizer Postbus läuft künftig für eine AG: Der gelbe Postbus holt sich eine Schramme

Schweizer Postbus läuft künftig für eine AG
Der gelbe Postbus holt sich eine Schramme

Das Klangmotiv stammt aus dem Andante der Ouvertüre zu Rossinis „Wilhelm Tell“. „Diiiduudüü“ oder für Musikliebhaber: cis-e-a in A-Dur. Autofahrer, die diesen Dreiklang in einer der Haarnadelkurven irgendwo in den Schweizer Alpen hören, sollten umgehend rechts ran fahren, denn gleich kommt der Postbus, und an ihm führt auf den engen Passstrecken kein Weg vorbei.

ZÜRICH. Wie Matterhorn, Schokolade und Bernhardiner zählt der gelbe Postbus zu den über die Grenzen hinaus bekannten Wahrzeichen des Landes. Genau 100 Jahre ist er alt, was die Schweizer in diesem Jahr eigentlich gebührend feiern wollten. Gestern allerdings hat die Post selbst die Feierlaune verdorben: Weil auch die eidgenössischen Postler unter Liberalisierungsdruck stehen, wollen sie ihre Organisation verschlanken – mit dem Ergebnis, dass das gelbe Postauto vom Sommer an auf eigene Rechnung fahren soll. Da von der Schlankheitskur auch andere Postbereiche betroffen sind, hagelt es Kritik von der Arbeitnehmervertretung. Die Gewerkschaft Transfair spricht von einem „Abbauschritt auf dem Buckel der Angestellten“.

Die gelben Busse laufen damit Gefahr, nach 100 unfallfreien Jahren eine erste Schramme zu bekommen. Das Postauto ist nach einer Erhebung der Agentur Advico Young & Rubicam von den Eidgenossen unter 1 000 weltweiten Brands zur „zuverlässigsten Marke“ gekürt worden – vor Dermaplast. Nach dem Verkauf der Swiss an die Lufthansa steht die Marke, die noch die helvetischen Tugenden wie Stabilität und Verlässlichkeit verkörpert, auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten in der Schweiz.

Der Weg der gelben Busse ist nicht nur häufig steil, sonder vor allem lang. 1906 keuchte die erste 30 PS starke Version zwischen Bern und dem Vorort Detlingen hin und her und ersetzte die Pferdepost. Nach dem ersten Weltkrieg, als die damals noch vorhandene Schweizer Fahrzeugindustrie zuverlässigere Vehikel für die Armee entwickelt hatte, standen der Post abgerüstete Modelle zur Verfügung, mit denen sie ihren Siegeszug durch die Alpen antrat. Mit 40 PS ging es Anfang der zwanziger Jahre den Simplon-, den Grimsel- und den Gotthardpass hinauf. Vor allem der Fahrzeughersteller Saurer machte sich als Lieferant der gelben Busse einen Namen, bis ihm 1985 trotz garantierter Käufe durch den Monopolisten doch die Luft ausging.

Heute stehen 2 000 Postbusse in den Diensten der Post, die auf einem Streckennetz von 10 000 Kilometern insgesamt 90 Millionen Kilometer im Jahr zurücklegen. Umgerechnet knapp 25 Mill. Euro Gewinn fuhren die Postbusse im Jahr 2004 ein.

Weil jedoch auch die Schweizer nicht dauerhaft ignorieren können, was um sie herum passiert, hat die Regierung in Bern im vergangenen Jahr einen Entschluss gefasst, der sich an EU-Gepflogenheiten orientiert: Der Briefmarkt wird liberalisiert, jedenfalls für Sendungen, die schwerer sind als 100 Gramm. Die Schweizer Post, die für Pakete zwar gut und gern das Vierfache von dem nimmt, was die Kollegen im Ausland verlangen, sieht wegen der Liberalisierung harte Zeiten auf sich zukommen und strukturiert um.

Eines der ersten Opfer ist der Postbus. Er soll vom Juli an im Auftrag einer eigenen AG fahren, die allerdings zunächst zu 100 Prozent der Muttergesellschaft gehört. Damit wird immerhin eine Änderung der Arbeitsverträge möglich.

So weit wie die Deutschen oder die Österreicher, die ihre posteigenen Transportfirmen ganz oder in Teilen verkauft haben, wollen die Eidgenossen aber noch nicht gehen. Zumal der Druck von der Gewerkschaft groß ist – weil gestern auch die Ausgliederung der Postlogistik in eine Tochtergesellschaft beschlossen wurde, sprechen die Arbeitnehmervertreter von einer „Zerstückelung“ und verlangen eine Beschäftigungsgarantie.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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