Schweizer Schokoladenhersteller suchen nach Strategien
Deutschland macht Chocolatiers ratlos

Es sieht es so aus, als lastet auf den Schweizer Schokoladenverkäufern zumindest der erste Teil des Vermächtnisses der deutschen Schauspielerin und Sängerin Trude Herr: „Ich will keine Schokolade . . .“ trällerte sie anno 1960. Der größte Hersteller von Schokolade zur Weiterverarbeitung, Barry Callebaut, weiß um die Bedeutung dieser Zeile: Vor allem das Deutschland-Geschäft hat den Schweizern ihr Jahresergebnis, das sie gestern vorgelegt haben, verhagelt.

HB ZÜRICH. Aber auch andere Anbieter wie Nestlé und die Chocolatiers von Lindt & Sprüngli schlagen sich mit den schwierigen Märkten in Westeuropa und insbesondere in Deutschland herum.

Bei Barry Callebaut erweist sich die vor rund drei Jahren übernommene deutsche Stollwerck noch immer als Klotz am Bein. Restrukturierungskosten von 94 Mill. Franken (61 Mill. Euro), die vor allem für die Schließung einer Fabrik in Köln und den Umzug nach Norderstedt bei Hamburg ausgegeben wurden, waren der Grund für einen Gewinn, der von 115,6 Mill. auf 68,3 Mill. Franken geschrumpft ist. Insgesamt verbuchte der Konzern einen Umsatz von 4,61 Mrd. Franken, was einem leichten Anstieg um 0,3 Prozent entspricht. Für das laufende Geschäftsjahr ist Konzernchef Patrick De Maeseneire zuversichtlich, „den Turnaround im europäischen Verbrauchergschäft zu schaffen“. Analysten wie Daniel Bürki von der Zürcher Kantonalbank sind da etwas skeptischer: „Ob dies schon die Wende ist, muss sich noch zeigen.“

Die Aufwärtsstrategien der Schokoladenverkäufer sind unterschiedlich. Barry Callebaut hat seine Marken vereinheitlicht und tritt in Deutschland vor allem unter „Sarotti“ auf. Zusätzlich versucht der Konzern, Kunden von der Tafelschokolade weg- und zu profitableren Pralinen und Schokoriegeln hinzulocken. Nebenbei bietet Barry Callebaut Innovationen wie Kakaobutter in Pulverform an und spricht wenig appetitanregend von neuen „Schokoladen-Lösungen“. Langfristig will De Maeseneire „die Abhängigkeit von Deutschland verringern“. Einen Rückzug kann er sich nicht leisten, weil die Deutschen nach wie vor Schokoladenkauer sind (siehe Grafik).

De Maeseneire ließ gestern nicht unerwähnt, dass Stollwerck vor seinem Antritt gekauft worden ist. Am Ruder war Andreas Schmid, der damals als Verwaltungsratspräsident und Konzernchef waltete. Vor drei Jahren trat er als Konzernchef ab und wird nun auch den Vorsitz des Verwaltungsrats an Andreas Jacobs weitergeben.

Die deutsche Industriellenfamilie Jacobs kontrolliert den Konzern zu knapp 60 Prozent. Barry Callebaut kann die gedämpfte Stimmung unter den Schokoladenessern zusätzlich durch sein Industriegeschäft ausgleichen, also die Lieferung von Rohmasse an Weiterverarbeiter. Dieser Geschäftsbereich schnitt mit einem Plus von 2,2 Prozent auf 2,3 Mrd. Franken deutlich besser ab als das Geschäft mit gewerblichen Kunden und den Verbrauchern, wo eine Einbuße von 1,9 Prozent auf 1,8 Mrd. Franken zu verzeichnen war.

Ähnliche Erfahrungen wie Barry Callebaut macht auch der Lebensmittelgigant Nestlé. In Europa verzeichnet er lediglich ein organisches Wachstum von 1,5 Prozent, was deutlich unter dem Konzerndurchschnitt liegt. Der Schokoladenabsatz lief besonders schleppend. Fehlende Premiummarken in diesem Bereich, der Druck der Billigläden und der Trend zur gesunden Ernährung drücken den Absatz. Nestlé kann allerdings anders als Barry Callebaut auf andere Produkte ausweichen, die in Mode sind. Dazu gehören etwa jene Nahrungsmittel, die die Gesundheit fördern sollen.

Anscheinend vom Trend gelöst hat sich der Premium-Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Er hat für das erste Halbjahr ein Umsatzplus von neun Prozent bekannt gegeben. Allerdings sind auch die Edelchocolatiers über ihren Schatten gesprungen und bieten in Deutschland bei der Handelskette Plus ihre Waren an. Bisher mieden die Schweizer außerhalb der Oster- und Weihnachtssaison den Kontakt zu den Billigläden, so gut es ging. Jetzt machen sie – noch – einen feinsinnigen Unterschied zwischen Discountern, zu denen sie Plus zählen, und Harddiscountern wie etwa Aldi oder Lidl, die sie bislang nicht beliefern.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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