Schweizer verwahren Wertvolles im Bunker
Datentresor im Gotthard-Granit

Die Tür? Sie fällt kaum auf. Grauer, rostiger Stahl, eingelassen in eine Felswand. Beklebt mit längst eingerissenen Postern, die das letztjährige Schwingerfest im Nachbartal ankündigen. Dahinter ein feuchter Gang, muffige Luft, Neonlicht. Hier im Granit des Gotthardmassivs herrschen Sommer wie Winter an die 19 Grad.

AMSTEG. „Ideal zum arbeiten“, meint René Meier, Verantwortlicher für die spärliche Öffentlichkeitsarbeit bei Swiss Data Safe. Das vor vier Jahren gegründete Unternehmen nutzt ausgediente unterirdische Festungsanlagen in der Schweiz, um dort im Auftrag seiner Kunden riesige Server zu betreiben, Daten zu speichern oder einfach Werte zu lagern, für die jedes Bankschließfach zu klein und zu unsicher ist.

Umsatz? Meier guckt entschuldigend. Seit zwei Jahren schreibe Data Safe schwarze Zahlen, sagt er immerhin. Kundschaft? Wieder dieser Blick und dann die Aussage, dass Versicherungen und Banken zum Kreis derjenigen gehören, die in Basel ein Erdbeben und in Zürich Hochwasser fürchten und deswegen ihre sensibelsten Daten im Gotthard-Granit lagern.

Meier ist eindeutig nicht der Typ, der zu viel redet. Seine Kunden würden es ihm auch nicht verzeihen. Stattdessen lässt er lieber die Umgebung erzählen. Der muffige Gang endet an einer Steinmauer. Sie gehört zu einem Haus, das hier tief im Berg in eine herausgesprengte Höhlung gemauert ist. Drinnen sieht es eher heimelig aus. Boden und Wände sind holzvertäfelt. In der Küche stapelt sich hinter knarrenden Schranktüren Geschirr für 100 Leute. Es gibt einen Mannschaftsschlafraum, eine Krankenstation und ein zwei mal drei Meter großes Einzelgemach, in dem ein Ölbild des Schweizer Malers Ferdinand Hodler als Abdruck hängt. Die Anlage ist 1940 als Bunker für die Schweizer Regierung gebaut worden. Wären damals deutsche oder italienische Truppen einmarschiert, hätten sich die Eidgenossen von hier aus Widerstand geleistet.

Zwanzig Jahre später entschied sich die Regierung in Bern zum Bau neuer Bunkeranlagen näher an ihrem Amtssitz. Der Bundesratsbunker im Amsteg ging in die Hände der Nationalbank über, die bereits seinen Wert als Tresor erkannte. Doch auch die Schweizer haben inzwischen viel von ihrem Gold verkauft, und die Bedrohung durch einen Weltkrieg verspüren auch die Eidgenossen nicht mehr ganz so stark wie ehedem.

Damit schlug die Geburtsstunde für Data Safe und deren Geschäftsidee. Das Unternehmen erwarb mehrere Kilometer des Regierungsbunkers. Ein Teil wurde zum Hochsicherheitstrakt mit doppelten Tresortüren und Zugangscodes umgebaut. Die Räume dahinter dürfen die Kunden nur in Begleitung eines Firmen-Mitarbeiters betreten.

Der Regierungsbunker wurde in seinem holzgetäfelten Zustand belassen. Data Safe verspricht sich nicht zuletzt einen Werbe-Effekt von einer Führung durch die Räumlichkeiten – eine Rechnung, die offenbar aufgeht: Der Kauf einer weiteren Alpenfestung, sagt Meier und verrät damit genug für heute, sei bereits in Vorbereitung.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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