Selbsttest: Elektrisch ins Büro
Von der U-Bahn aufs E-Bike

Die Straßen sind verstopft und die Bahnen überfüllt: Der Weg zur Arbeit in Metropolen wird zur Qual. Das Elektrorad bietet sich als komfortable Alternative an. Doch der Umstieg hat seine Tücken. Ein Selbstversuch.
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MünchenDrei Tage Dauerregen: Da steht das nagelneue E-Bike nun einsatzbereit vor der Münchener Handelsblatt-Redaktion, doch es gießt wie aus Kübeln. Der Umstieg von der überfüllten U-Bahn aufs Elektrorad fällt erst einmal ins Wasser.

An Tag vier scheint endlich die Sonne. Also rauf aufs Velo und reintreten in die Pedale. Schon nach wenigen Metern erschließt sich mir der größte Vorteil des Elektroantriebs: Es braucht kaum Kraft, um das Elektrorad „E-Silence“ in Bewegung zu setzen, das der Schweizer Radhersteller Scott der Redaktion testweise zur Verfügung gestellt hat.
Die zehn Kilometer vom Stilgmaierplatz am nordwestlichen Rand der Innenstadt nach Hause in den Münchener Osten bewältige ich ohne auch nur einmal tief Luft zu holen. Verblüffend, wie entspannt es sich mit dem E-Bike radeln lässt.

Schon nach ein paar Fahrten als Elektrorad-Neuling ist klar: Der größte Vorteil für mich liegt darin, dass ich nicht ins Schwitzen komme. Zugegeben, ganz ohne zu treten bewegt sich auch das E-Bike nicht. Ist ja kein Mofa. Aber die Anstrengung hält sich in Grenzen. Nehme ich hingegen mein gewöhnliches Trekking-Rad für den Weg in die City, so möchte ich im Büro am liebsten erst einmal unter die Dusche und in frische Kleider schlüpfen. Doch in der Redaktion stehen weder Waschräume noch Umkleiden zur Verfügung.

So wie ich entdecken immer mehr Deutsche die Vorzüge der Elektroräder. Der Zweirad-Industrie-Verband schätzt, dass der Handel im ersten Halbjahr rund 540 000 E-Bikes abgesetzt hat. Fürs gesamte Jahr rechnen die Experten mit 680 000 Rädern, das entspräche einem Plus gegenüber dem Vorjahr von zwölf Prozent. Seit Anfang des Jahrzehnts hat sich die Zahl damit mehr als verdreifacht. Hinter Trekking- und Stadträdern sind die E-Bikes inzwischen die drittgrößte Kategorie, noch vor den Mountainbikes. Herkömmliche Räder haben sich dieses Jahr hingegen bislang schlechter verkauft. Das ist nicht weiter überraschend, schließlich stehen in Deutschlands Garagen inzwischen etwa 73 Millionen Velos.

In München und anderen Städten drohen angesichts der vergifteten Luft Fahrverbote für Dieselautos. Auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen ist freilich keine Alternative. Zumindest ist es nicht angenehm. In den Stoßzeiten drängen schon heute so viele Menschen in die U-Bahnen in der Münchener Innenstadt, dass die örtliche Verkehrsgesellschaft inzwischen Ordner an den Bahnsteigen postiert.

Nach vier Wochen auf dem E-Bike lässt sich feststellen: Das Leben ohne U-Bahn ist angenehm. Sicher, bei starkem Regen kann ich auf den Nahverkehr nach wie vor nicht verzichten. Und irgendwann wird es auch mal so kalt werden, dass ich gerne im warmen U-Bahn-Schacht verschwinde. Doch während des Tests in den vergangenen Wochen hat es Spaß gemacht, mit dem Rad durch München zu kurven. Das „E-Silence“ von Scott lässt sich von jedermann problemlos bedienen, wie Tests mit der Familie bewiesen.

Der Motor ist tatsächlich kaum zu hören, der Name täuscht also keineswegs. Bemängelt haben sämtliche Testfahrer höchstens einmal, dass das Gerät doch recht hart daher kommt und jede Bodenwelle direkt ins Kreuz geht. Mit 27 Kilogramm ist das Velo zwar recht schwer. Doch das fällt nur auf, wenn der Neu-Nutzer wieder einmal vergessen hat, die Batterie rechtzeitig zu laden. Zwei Mal die Woche sollte das Bike schon ans Stromnetz. Apropos Akku: Der Energiespeicher ist weitgehend in den Rahmen integriert, so dass das Rad erst auf den zweiten Blick als E-Bike zu erkennen ist.

Gleichwohl, der Wechsel vom öffentlichen Nahverkehr aufs Elektrorad hat seine Tücken. Mit dem „E-Silence“ bin ich zügiger unterwegs als die meisten anderen Fahrradfahrer. Doch die Radwege in München sind häufig schmal, überholen ist schwierig, da heißt es geduldig sein. Und überhaupt: An der ungenügenden Rad-Infrastruktur in München ändert natürlich auch ein E-Bike nichts.

So mancher Radweg endet abrupt, einige führen über belebte Plätze oder direkt an Bushaltestellen vorbei, mitunter geht es sogar über Kopfsteinpflaster. Das heißt: es ist wichtig, stets aufmerksam zu sein. Gelassenheit ist von Vorteil, das habe ich schnell gelernt, nicht jeder Autofahrer ist schon auf die Elektroflitzer eingestellt; und die Fußgänger auch nicht.

Noch etwas schreckt ab. Das Testfahrrad von Scott kostet beim Fachhändler rund 3500 Euro. Das ist viel Geld, für Diebe ist das schicke Modell damit vermutlich ein lohnendes Ziel. Und so war ich stets froh, als ich das grau-orange Rad am Abend noch am Ständer vor der Redaktion fand.

In diesen Tagen wird viel darüber diskutiert, wann Elektroautos endlich alltagstauglich und vor allem erschwinglich sein werden. Die Elektroräder sind da schon weiter. Der Preis ist zwar auch bei den meisten E-Bikes noch hoch. Aber praktisch war mein Testrad auf alle Fälle.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München

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