Serie: Folgen des Klimawandels
Rückversicherer ändern Modellrechnungen

Allein der verheerende Hurrikan Kathrina kostete die Rückversicherer rund 45 Mrd. Dollar. Die Branche hat daraus die Konsequenzen gezogen: Sie passt nicht nur ihre Risiko-Modelle an, sondern fördert auch aus eigenem Interesse die Erforschung der Klimazukunft.

DÜSSELDORF. Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Am Rande des idyllischen Englischen Gartens im beschaulichen Münchener Bohème-Stadtteil Schwabing residiert bayerisch-stilvoll die Münchener Rückversicherung in ihrem klassizistischen Hauptgebäude in der Königinstraße. Wer einen solch schönen Arbeitsplatz hat, mag wohl kaum an schreckliche Katastrophen denken. Dennoch: Hinter den liebevoll bemalten Mauern entscheidet die Gesellschaft über ihren Umgang mit den schlimmsten Naturkatastrophen rund um den Globus.

Die Rückversicherer sind so eine Art Großhändler im Geschäft mit den Risiken. Ihre Kunden sind die Versicherungsgesellschaften der Firmen und Verbraucher. Großschäden teilen sie auf dem Weltmarkt untereinander auf, bis die Portionen für jeden einzelnen erträglich sind. Anders wären Weltraumexpeditionen oder Naturkatastrophen vom Kaliber eines großen tropischen Wirbelsturms überhaupt nicht zu versichern. Zum Beispiel kostet Hurrikan „Katrina“, der im vergangenen Jahr die Großstadt New Orleans und große Gebiete im Süden der USA unter Wasser gesetzt hat, die Branche nach bisherigem Stand insgesamt rund 45 Mrd. US-Dollar für versicherte Häuser, Ölplattformen und Fabriken. Zum Vergleich: Das gesamte Beitragsaufkommen der globalen Rückversicherer beläuft sich auf schätzungsweise 165 Mrd. US-Dollar. Die Marktführer sind Swiss Re und Münchener Rück.

Die Versicherer und allen voran die Rückversicherer haben also ein bedeutendes finanzielles Interesse an der Erforschung der Ursachen, der Eintrittswahrscheinlichkeiten und letztlich der Vermeidung solcher Katastrophen. Dabei ist den rund 25 Georisiko-Experten der Münchener Rück klar, dass der durch menschliche Aktivitäten verursachte Klimawandel, also der langfristige Anstieg der mittleren Temperaturen und die Veränderung der Niederschläge und anderer Witterungsbedingungen, zweifelsfrei für häufigere und verheerendere Naturereignisse verantwortlich ist. Die Experten der Münchener Rück wissen, dass sich in den Jahren 1994-2005 beinahe dreimal so viele große, wetterbedingte Naturkatastrophen ereigneten wie in den 1960er Jahren. Die volkswirtschaftlichen Schäden vervielfachten sich demnach im selben Zeitraum um den Faktor 5,3 — die versicherten Schäden gar um den Faktor 9,6. Hauptverursacher waren jeweils Überschwemmungen und Stürme.

Eine Schätzung über die künftig zu erwarteten Schäden aus dem Klimawandel wagt die Branche nicht. Zumal auch Klimaforscher stets nur Zukunftsszenarien unter ganz speziellen Annahmen (etwa der Entwicklung des Kohlendioxid-Ausstoßes) entwerfen. Wohl aber wagen sie eine mittelfristige Ereignis-Prognose auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse: „In den kommenden Jahren sehen wir das größte Risiko im Nordatlantik mit häufigeren und intensiveren Hurrikanen“, sagt Peter Höppe, Leiter der Georisiko-Forschung der Münchener Rück, die zu den Pionieren auf diesem Gebiet zählt. Das hänge damit zusammen, dass sich derzeit zwei Faktoren addierten: Die natürliche Warmphase des Nordatlantiks und die durch Treibhausgasemissionen des Menschen getriebene Erwärmung.

„Deshalb haben wir unser Sturmmodell für diese Region an die Veränderung angepasst. Damit sind wir vorne dran“, betont er. Nicht ohne Grund: So hat sich in der hyperaktiven Hurrikan-Saison im Sommer 2005 herausgestellt, dass die Modellrechnungen der Versicherer ziemlich schief lagen. „Das Flutrisiko hatten wir in unserem Modell unterschätzt“, gibt auch Münchener-Rück-Vorstand Torsten Jeworrek zu.

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