Speditionsbranche
Aufruhr am Steuer

Ein Buch entzweit die deutschen Spediteure - dabei bietet es nicht einmal neue Enthüllungen: Mit großem Getöse und starken Worten wehrt sich die Branche gegen die veröffentlichung von „Tatort Autobahn“, das krumme Dinger im Transportwesen anprangert.

DÜSSELDORF. Eine bessere Werbung hätte sich der Campus-Verlag gar nicht wünschen können: Verdi-Bundesvorstand Rolf Büttner bespricht „Tatort Autobahn: Kriminelle Machenschaften im Speditionswesen“, und die Transportbranche schäumt. Die Verbände verfassten jedenfalls einen offenen Protestbrief, um sich gegen den „Generalvorwurf der Korruption und der groben Missachtung der Menschenrechte“ zur Wehr zu setzen. Dabei hatte Büttner nur ein Buch besprochen. Was Bücher doch alles bewirken können.

Kräftig zog Büttner, im Verdi-Bundesvorstand für Postdienste, Speditionen und Logistik zuständig, gegen skandalöse Arbeitsbedingungen und ruinösen Wettbewerb vom Leder - bis hin zur Klage über osteuropäische Arbeitssklaven im Führerstand deutscher Brummis. Das Buch habe „unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt“, sagte der Verdi-Funktionär, der im Nebenjob übrigens Aufsichtsrat der Deutschen Post ist.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Die Verbandsfürsten Karlheinz Schmidt vom BGL, Heiner Rogge vom DSLV und Reinhard Müller von den Möbelspediteuren (AMÖ) bliesen zum Gegenangriff - mit großem Verteiler an die Presse. Der Begriff „Arbeitssklave“ für Fahrer - auch aus Osteuropa - drücke eine Menschenverachtung aus, die sie wir gerade von einem Vertreter der Arbeitnehmer nicht erwartet hätten, geben sie sich empört.

Zwar sind sich die Verbände ansonsten alles andere als grün, Spediteure halten sich für feiner als Brummi-Fahrer und ziehen die leisen Töne bollernden Forderungen vor. Doch hier ist man sich schnell einig. Denn es geht gegen Verdi - und wohl auch gegen so viel Mut, öffentlich Missstände in der Branche anzuprangern. Denn der Transportmarkt ist seit Anfang der 90er Jahre liberalisiert und dereguliert, ohne die sozialen Wirkungen ausreichend abzufedern. Die Folge ist ein „gnadenloses Sozial- und Lohndumping“, wie Büttner es beschreibt.

Geschwindigkeitsüberschreitungen, Nichteinhaltung der Höchstladegrenzen, Nichtbeachtung von Lenk- und Ruhezeiten, illegale Beschäftigung und Schwarzarbeit gehören zum Alltag auf den Autobahnen. Osteuropa nimmt eine Schlüsselstellung bei der Erschleichung von Verkehrsgenehmigungen, Praktiken der Gewinnverschleierung, der Steuerhinterziehung und der Tarnung von Beschäftigung ausländischer Billigarbeitskräfte ein. Auch die Verbände bestreiten das nicht, sprechen aber von Einzelfällen und wenigen schwarzen Schafen.

Es ist wohl auch eher der Imageschaden, der die Verbände auf die Palme bringt, zumal das Buch keine neuen Enthüllungen bietet. Denn Büttner fährt ihnen in die Parade: Gerade bereiten die Verbände gemeinsam mit der Bundesregierung ein Bündnis gegen Schwarzarbeit und kriminelle Machenschaften vor. Selbst Verdi ist mit im Boot. Das Bündnis soll im April vorgestellt werden. Verdi hat den Verbänden die Show gestohlen. Ein Schelm, wer der Gewerkschaft dabei Böses unterstellt.

Die Verbandsherren sehen sich nämlich viel lieber als Vorkämpfer gegen das Übel - Schuld ist immer nur die Politik. „Es war das organisierte Verkehrsgewerbe, das versucht hat, die Deregulierung mit Regeln zu begleiten, um einem drohenden Wildwuchs zu begegnen. Das ist - zum Bedauern der Verbände - kaum gelungen.“ So steht es in dem Brief.

Dabei gibt es Vorschläge genug: Schärfere Kontrollen; höhere Strafen; keine Aufträge für Unternehmen, die Standards verletzen; eine Haftung der Verlader- und Auftraggeber, da der Fahrer als schwächstes Glied in der Kette nicht mehr der Beschuldigte sein dürfe; gesetzliche Mindestlöhne - soweit die Forderungen von Verdi. Doch es trifft die Branche am Nerv. Denn nicht erst seit gestern werden osteuropäische Billig-Fernfahrer eingesetzt. Das ist nun einmal die Realität der Globalisierung.

Viele deutsche Transporteure haben Tochterfirmen in Osteuropa und nutzen das Kostengefälle bei internationalen Transporten - während sich die Funktionäre hier zu Lande über den Stil von Buchbesprechungen aufregen. Fehlt ein wirkliches Interesse an schärferen Gesetzen und mehr Kontrollen? Die Verbände halten die Kontrollen in Deutschland für ausreichend. Mehr noch: Die Kontroll-Quote sei höher als bei den europäischen Nachbarn, sagen sie. Stimmt: Sie beträgt 3,5 Prozent - ähnlich hoch wie die Wahrscheinlichkeit, eine Nadel im Heuhaufen zu finden.

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