Spione verkaufen Betriebsgeheimnisse
Die Strom-Schnüffler

Der Strommarkt ist groß und komplex. Nicht nur die Kunden verlieren schnell den Überblick. Zwei Unternehmer sorgen in diesem Dickicht mit dem Verkauf von Betriebsgeheimnissen der Energiekonzerne für mehr Durchblick am Strommarkt – und das ganz legal. Wie die Feldversuche der Stromspione funktionieren.

MÜNCHEN. Start-up-Unternehmer müssen fest zupacken können. Aber die 20-Kilo-LKW-Batterie ist fast zu viel für Christian Kunze. Ein Griffriemen ist gerissen, also wuchtet Kunze den grauen Klotz auf dem Unterarm die Böschung hinauf durchs kniehohe Gras. Kunze schwankt und schwitzt.

Geschafft. Er verbindet die Kontakte der Batterie mit Messgerät und Sender und stülpt zum Schutz eine grüne Regentonne über den Apparat. Fertig ist der Stromspion.

Kunze schaut nach oben, dorthin, wo es summt und knistert. Ja, alles in Ordnung, der grüne Schnüffler steht korrekt unter der Hochspannungsleitung. Die kommt direkt vom Kernkraftwerk Isar, dessen zwei Reaktoren gleich hinter dem Hügel und dem Dorf Niederaichbach liegen. Durch die Leitung fließen Hunderttausende Volt Strom – aber wie viel genau? Auf welcher Leistung fährt der Eon-Konzern sein Kraftwerk gerade?

Eigentlich ist das ein Betriebsgeheimnis von Eon, aber Kunze, 38, weiß es – dank seines batteriebetriebenen Spions.

Sterling Lapinski hat einst ähnlich begonnen. Heute muss der US-Amerikaner nicht mehr über matschige Wiesen stapfen. Er hat 70 Mitarbeiter. Mit den runden Brillengläsern und dem Poloshirt sieht der 37-Jährige aus wie ein College-Student. Doch er ist Weltmarktführer. Fast tausend Spione an Stromleitungen – meist grau, nicht grün – spähen für seine Firma Genscape in neun Ländern Kraftwerke aus.

Zwei Unternehmer mit der gleichen Aufsehen erregenden Idee

Der Mitgründer sitzt im Europa-Büro von Genscape an Amsterdams Prachtstraße Damrak. „Am Strommarkt ändern sich Preise oft dramatisch, weil Informationen sehr ungleich verteilt sind: Erzeuger wissen mehr als reine Händler“, sagt Lapinski. „Das wollen wir ausgleichen, indem wir Informationen über Kraftwerksleistungen für jeden Marktteilnehmer verfügbar machen.“

Lapinski und Kunze – zwei Unternehmer mit der gleichen Aufsehen erregenden Idee: Sie verkaufen die Betriebsgeheimnisse der Stromversorger. Lapinskis Firma Genscape ist der Marktführer; Powermonitor-Gründer und Herausforderer Kunze hat seit wenigen Tagen die ersten zahlenden Kunden.

Der Wettkampf, den die beiden Strom-Schnüffler ausfechten, ist ein Hoffnungsschimmer für viele, die hier zu Lande die Macht der vier großen Stromerzeuger EnBW, Eon, RWE und Vattenfall begrenzen möchten, damit neue Anbieter eine Chance haben und die Strompreise sinken. Denn durch die Sonden der Strom-Schnüffler verlieren die Konzerne die Kontrolle über einen zentralen Faktor für den Handelspreis des Stroms: die Kraftwerksleistung.

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