Staatskonzern
Wie die Deutsche Bahn die Pünktlichkeit ausbremst

Die Bahn macht Milliardengewinne und viele Reisenden packt die Wut. Denn sie warten fast täglich auf verspätete Züge, auch weil die Bahn zu wenig in die Schiene investiert. Die Politik schaut zu und hält die Hand auf.
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DüsseldorfEin Bahnhof, morgens, irgendwo in einer deutschen Großstadt. Die Bahnsteige sind voll. S- und Regionalbahnen fahren ein, ICs und ICEs fahren aus. 7.09 Uhr, noch wenige Minuten, dann sollte der eigene Zug kommen. Doch dann passiert, was jeder Pendler und Fernreisende kennt. „Aufgrund von Störungen im Betriebsablauf hat der Zug heute eine Verspätung von zehn Minuten.“ Ein monotones Raunen auf dem Bahnsteig, das Warten geht weiter.

So nehmen Millionen Deutsche die Bahn jeden Morgen war. Geht es um das Thema Deutsche Bahn, wird als erstes die letzte Verspätung kritisiert – auch wenn die Züge in den vorangegangenen Tagen stets pünktlich kamen. Verspätungen bleiben hängen, sie sind das Aufregerthema Nummer eins. Das weiß auch Bahnchef Rüdiger Grube, der heute in Berlin die Geschäftszahlen für das Jahr 2011 präsentiert hat. Grube hat sich des Themas angenommen und zumindest für mehr Transparenz gesorgt.

Seit September vergangenen Jahres veröffentlicht die Bahn auf ihrer Webseite jeden Monat die Verspätungsquote ihrer Züge. Eine Lösung ist das nicht, die Daten werden aber zumindest nicht mehr versteckt. So erfahren die Reisenden, dass im vergangenen Jahr 20 Prozent der Fernzüge mehr als 5 Minuten verspätet waren.

Registrierte Fahrgäste des Fernverkehrs können zudem Verspätungs-Benachrichtigungen per E-Mail erhalten. Wichtig bei Verspätungen sei vor allem die Kommunikation. Es brauche eine „klare Ansage“, sagt Matthias Oomen, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn.

Für den Fahrgastverband sind die Verspätungen aber nur die Folge eines viel größeren Problems. „Viele Verspätungen kommen aus dem Netz“, sagt Oomen. Signalstörungen, Weichenstörungen oder Bauarbeiten führen zu einem Großteil der Unpünktlichkeiten. Während die Bahn rund 1,3 Milliarden Euro Gewinn ausweist, fehle für das Netz eine Milliarde Euro jährlich an zusätzlichen Investitionen. Über Jahrzehnte sei gar ein Investitionsstau von mittlerweile 35 Milliarden Euro aufgelaufen, so der Pro-Bahn-Mann weiter.

Infografik

EBIT der Deutsche Bahn AG

von 2004 bis 2011 (in Millionen Euro)

Kritiker behaupten, das sei eine Folge des geplanten Börsengangs. Ex-Chef Hartmut Mehdorn hatte das Staatsunternehmen mit harten Sparmaßnahmen für den Gang aufs Parkett vorbereitet. Es wurde nicht nur an der Instandhaltung gespart, sondern auch am Personal. Seit der Bahnreform 1993 ging die Zahl der Bahnbeschäftigten von 380.000 auf gut 190.000 zurück.

Der Börsengang aber ist vorerst abgeblasen, Mehdorn seit 2009 nicht mehr Vorstandsvorsitzender. Langsam stellt die Bahn wieder mehr Personal ein. Und der Investitionsstau ist zu einem großen Teil auch auf die Politik im Bund zurückzuführen.

Kommentare zu " Staatskonzern: Wie die Deutsche Bahn die Pünktlichkeit ausbremst"

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  • Beiss niemals die Hand die dich füttert. Schließlich profitiert der Bund von den Gewinnen. Sagt mir einer noch, dass der Bund nicht käuflich ist. Es lebe die Bananenrepublik

  • Ich glaube gerade nicht, dass "die Bahn" die Autoindustrie ausbremsen will. Das Gegenteil ist der Fall. Speziell der frühere Bahnchef Mehdorn ist doch bekennender Porschefahrer und Hobbyfliefer. Die meisten Bahnmanager freuen sich sicherlich über und an ihre(n) PS-starken Autos. Züge betreten die doch nur zu Fototerminen. Das ist das problem: Das Produkt ist denen gleichgültig.

  • Alles läuft nach Plan:

    Deutschland muß schon mal ans Dritte-Welt-Niveau gewöhnt werden, denn damnächst ist das ganze Geld in Richtung ClubMed incl. Frankreich weg.

    Frankreichs Langzeit-Strategie zur Kastrierung Deutschlands geht voll auf - und CDU/CSU/FDP/SPD/Grüne jubeln!

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