Stadtentwickler fürchten ebenfalls die Folgen der Konzern-Krise
Verödet und verramscht

An vielen Karstadt-Standorten zittert nicht nur die Belegschaft, auch in der Bevölkerung geht die Angst um. So auch in Wismar, wo derweil noch das Karstadt-Stammhaus ansässig ist, und sich das Sparkonzept nicht um Sentimentalitäten schert. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB Wismar/Herdecke. Hoch und hell ragt das Stammhaus der Karstadt-Quelle AG an der Krämerstraße in Wismar in den Himmel. In den Fensterbögen des viergeschossigen Jugendstilbaus spiegelt sich die Backsteingotik der Rathaus-Apotheke schräg gegenüber. Draußen hanseatische Herrlichkeit, drinnen Karstadt pur: Bodylotion für zehn Euro, Taschenbücher vom Wühltisch, Socken im Fünferpack. Von allem ein bisschen, nichts richtig, vieles reduziert. Doch das Warenallerlei rutscht rasch in die Augenwinkel. Eine breite Treppe zieht die Blicke an. Der Aufstieg in die oberen Etagen geschieht beinahe andächtig. Manch eine Hand gleitet dabei wie zufällig vom Holzlauf, berührt die grazilen, grünen Eisenschnörkel. Viele der 47 000 Wismarer haben sich verliebt – in ihr Stammhaus.

Und die „Karstädter“ – so nennen sich die Wismarer, die hier arbeiten selbst – platzen nahezu vor Stolz. Am Telefon melden sie sich stilvoll mit „Wismar Stammhaus der Karstadt-Quelle AG“. Das blaue Namensschildchen, auf dem „Besser Karstadt“ zu lesen ist, tragen sie nicht einfach nur so. „Da stehen wir voll dahinter“, sagt Verkäuferin Heike Hacker und rückt das kleine blaue an ihrer Brust gerade.

Doch mit Stolz und hanseatischer Herrlichkeit dürfte es bald vorbei sein. Denn auch das Stammhaus steht auf der Streichliste der Karstadt-Quelle AG. Bis 2007 will der angeschlagene Konzern bundesweit 77 Filialen verkaufen. Bei der Gewerkschaft Verdi sprechen sie von „Ausverkauf“ und „Verramschen“. Alle 77 haben ein gemeinsames Problem: Ihre Verkaufsfläche umfasst weniger als 8 000 Quadratmeter. Der Konzernvorstand hält das für zu klein. Andere betriebswirtschaftliche Größen oder emotionale Momente wie die Stammhaus-Sensibilitäten interessieren vorerst nicht.

Die Krise um Karstadt zeigt beispielhaft die Metamorphose der Überflussgesellschaft. Viele Kunden decken ihre Grundbedürfnisse inzwischen bei Aldi und Co. am Stadtrand. Und suchen nach dem sinnlichen Einkaufserlebnis in den edlen Fachgeschäften der Metropolen. Dieses geänderte Kaufverhalten, das Nebeneinander von Sparsamkeit und Lust am Luxus, lässt die Fundamente der Warenhäuser bröckeln. Und erodiert viele Fußgängerzonen gleich mit. Gerade in kleineren Städten mit weniger als 100 000 Einwohnern sind die Kaufhäuser oft die letzten Leuchttürme in schon verödeten Zentrumslagen. Deshalb sind nun neben der Karstadt-Belegschaft auch Wirtschaftsförderer und Bürgermeister allerorten alarmiert – eine Reise durch die Karstadt-Republik zwischen Ostseeküste und Ruhrgebiet.

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