Sterne-Klassifizierung und Marken-Image im Wettstreit um den Gast
Wenn der Mystery Man ins Bett steigt

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga will die Qualität der Hotels noch objektiver messbar machen und testet jetzt nach einem insgesamt 279 Punkte umfassenden Kriterienkatalog.

HB BERLIN. Wer sich je mit dem nicht ganz angenehmen Gedanken an den unbekannten vorherigen Nutzer der Lagerstatt in ein Hotelbett gelegt hat, kann sich nur freuen: In einer ordentlichen, mit Sternen ausgezeichneten Herberge darf er künftig mit einem Matratzenbezug rechnen, der „kochbar, atmungsaktiv und virendicht“ ist. Was zumindest den sensiblen Gast leichter ins Bett steigen lassen dürfte, bringt dem Gastgeber 15 Punkte. Diese wiederum können für ihn die entscheidenden sein, in der Ein- bis Fünf-Sterne-Hierarchie des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) eins rauf zu rücken – sprich: einen werbewirksamen Stern mehr für seine gastliche Adresse zu ergattern.

Kochbar, atmungsaktiv, virendicht – das sind drei Anforderungen von zahlreichen neuen, verschärften Kriterien, mit denen der Dehoga in den Hotels die Qualität nicht nur im Bett noch objektiver messbar machen will. Dabei geht es nicht allein um Hygiene. Dem Trend der Zeit folgend sind auch die Anforderungen an Badezimmer-Ausstattungen gestiegen und selbst die Anzahl freier Steckdosen im Zimmer ist von Belang. 279 Beurteilungspunkte umfasst der Dehoga-Katalog. Was reichlich erscheint, genügt Experten nur bedingt: „Schärfer, aber noch nicht scharf“, urteilte kürzlich der Branchendienst „Hospitality Inside“.

Fast 8 000 Beherbungsbetriebe unterwerfen sich der freiwilligen Selbstkontrolle, die auf eigenen, allerdings stichprobenartig überprüften Angaben der Unternehmen beruht – Tendenz steigend, wie Dehoga-Geschäftsführer Markus Luthe feststellt. „80 Prozent der Geschäftsreisenden orientieren sich an unserer Klassifizierung.“ Und was Luthe noch stolzer macht: „70 Prozent der Kettenhotels greifen nach den Sternen.“ In der Tat: Im Führer der Dehoga-Schwesterorganisation Hotelverband Deutschland (IHA) tauchen die zackigen Symbole auch bei vielen bekannten Hotelmarken auf.

Denen ist die Identität ihres eigenen Auftritts freilich meist mehr wert, sagt beispielsweise Willy Weiland, Chef der deutschen Intercontinental-Hotels. Die nationale Vergleichbarkeit von Herbergsqualitäten sei gerade in den unteren Kategorien hilfreich, doch „das Brand-Image ist uns wichtiger – das ist unser Profil.“ Und: „Unsere eigenen Benchmarks liegen meist über den Kriterien der Hotelklassifizierung.“

Darauf setzt auch Gabriele Schulze, Chefin der Hotelkooperation Best Western Deutschland: „Eine Klassifizierung aus der Kundensicht kann einfach nicht leisten, was eine Marke leisten kann und muss.“ Best Western habe im vergangenen Jahr 18 Häuser neu übernommen: „Alle hatten die Vier-Sterne-Klassifizierung, doch für unsere eigenen Standards mussten sie durchweg nachgerüstet werden.“

André Witschi, Chef von Accor Deutschland, mit den Hotelmarken Sofitel, Mercure, Novotel, Ibis und Etap mit Abstand größter Bettenanbieter im Lande, schwört dagegen auf die Sterne. Mit ihnen hat Accor seine zuvor nur in Frankreich bekannten Hotels hier zu Lande eingeführt. „Für uns als Marktführer sind die Sterne sehr wichtig – schon aus der Verantwortung für die Branche heraus“, sagt Witschi.

Das ist auch die Haltung jener Hoteliers, die eher von ihrem Renommé als von Klassifizierung leben. „Für die Gäste ist das sehr hilfreich. Deshalb unterstützen wir das im übergeordneten Interesse“, sagt beispielsweise Frank Marrenbach, Chef des Brenner’s Park in Baden-Baden, das sich im Eingangsbereich als Fünf-Sterne-Haus der Spitzenqualität „Superior“ ausweist. Dafür nimmt Marrenbach auch einen unbekannten Gast in Kauf – den Mystery Man. Den schickt der Dehoga regelmäßig zum Qualitätstest in die Häuser der obersten Kategorie.

Gut 50 deutsche Top-Hotels führen fünf Sterne und das „Superior“ zur Krönung. Darunter auch Berlins Adlon. Direktor Thomas Klippstein schätzt die „vernünftige Klassifizierung“, sieht auch ihre abschreckende Wirkung: „Wenn man in dieser Kategorie angesiedelt ist, kommt kein Kongresseinkäufer auf die Idee, die Preise bis ins Bodenlose drücken zu wollen.“

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