Streik bei Lufthansa
Hier hilft nur noch eine Familientherapie

Bei der Lufthansa stehen wieder Streiks ins Haus. Die Tarifverhandlungen von Spartengewerkschaften sind längst zu einem Wettkampf der Egos geworden. Das gefährdet die deutsche Tarifkultur. Ein Kommentar.
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FrankfurtZurück auf Anfang. Nach monatelangen und quälenden Verhandlungen zwischen der Ufo, der Gewerkschaft des Kabinenpersonals, und dem Lufthansa-Management sowie einer grandios gescheiterten Schlichtung werden Stewardessen und Stewards wohl ab Anfang Juli in den Ausstand treten – wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Es fällt Außenstehenden und erst recht den Fluggästen schwer, noch zu verstehen, was da bei Europas größter Fluggesellschaft vor sich geht. Warum nur scheint es unmöglich zu sein, eine Einigung hinzubekommen?

Der ungelöste Streit mit dem Kabinenpersonal ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die wachsende Sorgen bereitet: In den Tarifauseinandersetzungen gerade mit den Arbeitnehmervertretern von kleinen Berufsgruppen geht es längst nicht mehr um Inhalte. Es geht um Macht. Egos dominieren die Gespräche und machen sie damit zugleich unmöglich.

Ein zu harsches Urteil, finden Sie? Dann schauen Sie auf die Fakten: In den Schlichtungsrunden mit der Kabinengewerkschaft wurde noch nicht einmal über Tarife gesprochen. Man war so zerstritten, dass sich die Schlichter nicht dazu in der Lage sahen, einen inhaltlichen Schlichterspruch zu formulieren. Verhärtet sind auch die Fronten zwischen Piloten und Lufthansa-Management, was zu einer skurrilen Situation führt. Beide Seiten einigten sich zwar inoffiziell auf einen Schlichter, bislang aber noch nicht über das, was der überhaupt schlichten soll – Tarifpolitik paradox.

Kaum besser sieht es bei der Bahn aus. Man darf gespannt sein, ob die verlängerte Schlichtung hier zumindest inhaltlich eine Annäherung bringt. Skepsis ist allerdings angebracht. Wenn aber selbst neutrale Instanzen wie Schlichter es nicht schaffen, die Parteien wieder ins Gespräch über das zu bringen, um das es eigentlich geht, liegt etwas im Argen. Das lässt nur einen Schluss zu: Hier prallen egomanische Sturrköpfe aufeinander, die ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen verloren haben: einem Unternehmen die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und dabei gleichzeitig die Zukunft der dort arbeitenden Menschen  zu sichern.  

Sicher: Schelte für die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo fällt schwerer als bei streikenden Piloten. Das von der Ufo vertretene Personal verdient deutlich schlechter als die Flugzeuglenker. Auch ist die Ufo bislang moderater als etwa die Pilotengewerkschaft aufgetreten, hat immer wieder den Weg über Gespräche gesucht. Doch das ändert nichts daran, dass die Tarifgespräche mit den Spartengewerkschaften mittlerweile viel zu lange dauern. Seit April 2014 verhandeln Ufo und Lufthansa nun schon über die strittigen Themen. Auch die Piloten und Lokführer sprechen seit zig Monaten mit ihren Tarifpartnern auf der anderen Seite.

Mittlerweile dauern die Verhandlungen über neue Tarifverträge länger als die Laufzeit der dann so hart errungenen Kompromisse. Wenn die Tarifparteien dieses Spiel künftig alle zwei Jahre durchziehen, dann ist nicht weniger als die erfolgreiche Tarifkultur in Deutschland in akuter Gefahr.

Vielleicht sollten die Beteiligten statt eines Schlichters besser einen Familientherapeuten zu Rate ziehen. Der hat Erfahrung damit, Konflikte zu lösen, bei denen der eigentliche Kern des Streits längst aus den Augen verloren wurde.  

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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