Streit bei der Bahn
Wenn Lokführer handgreiflich werden

Beleidigungen, massive Anfeindungen, Handgreiflichkeiten: Bei der Deutschen Bahn scheint die Belegschaft aktuell gespalten. Hintergrund ist der Konkurrenzkampf zweier Gewerkschaften, der nun wohl auch Kollegen entzweit.
  • 0

DüsseldorfBei der Deutschen Bahn fliegen die Fetzen – nicht nur zwischen dem Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern, sondern auch von Angesicht zu Angesicht, zwischen direkten Kollegen. Grund ist der sich zuspitzende Machtkampf zwischen den Arbeitnehmervertretungen Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Seit der Grundlagentarifvertrag für Bahnmitarbeiter im Juni ausgelaufen ist, erhebt die GDL den Anspruch, neben Lokführern auch Zugbegleiter und Personal in den Bordbistros der Bahn vertreten zu wollen. Diese werden wie drei weitere Berufsgruppen bisher von der EVG vertreten, die das Wildern in ihrem Zuständigkeitsbereich in der aktuell laufenden Tarifrunde nicht einfach hinnehmen will.

Unter Kollegen entlädt sich das in einem Streit über die „richtige“ Gewerkschaft, etwa in Communities wie dem Bahner-Forum, wo „Schienenputzer“ an „Valenca“ schreibt: „Bisher hatte jeder kleine Streik seine Wirkung [...] gezeigt, es muss nicht immer der volle Kollaps sein [...]! Wir sind nicht die EVG, die in den Hinterstuben streikt, und sich dann brüstet wie erfolgreich man war.“

Nicht immer bleibt es bei harmlosen Diskussionsbeiträgen: So sollen Lokführer von Kollegen als „Arschlöcher“ bezeichnet worden sein, weil sie sich nicht an Streiks beteiligten. Auch zu tätlichen Auseinandersetzungen soll es in einigen Unterbetrieben der Bahn, vor allem im Fern- und Regionalverkehr schon gekommen sein, zumindest haben das Betriebsratsvertreter in den Flächenbetrieben an den Gesamtbetriebsrat gemeldet. Der sieht sich nun gezwungen, die sich aufschaukelnde Situation in einer Sonderausgabe seines Informationsbriefes aufzugreifen.

„Wir haben jetzt keine Mails bekommen 'Herr Müller hat Herr Meier geboxt' oder so“, sagt eine Sprecherin des Konzernbetriebsrats. „Aber uns wurden jetzt mehrfach Auseinandersetzungen gemeldet, die weit über eine normale Diskussion hinaus gingen.“ Was konkret passiert ist, darüber könne sie keine Auskunft geben, so die Sprecherin. Doch der Informationsbrief spricht für sich. Der Betriebsrat gibt darin seinen Vertretern in den Flächenbetrieben vor Ort Empfehlungen, wie sie zwischen den Kollegen im Ernstfall deeskalieren können.

„Die zuständigen Stellen werden dann unverzüglich mit der diskriminierenden bzw. belästigenden Person in Verbindung treten und diese im Rahmen eines Gespräches über die Folgen ihres Verhaltens aufklären. Je nach Schwere des Vorfalls sind von den zuständigen Stellen in Absprache mit dem Betriebsrat geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die diskriminierende Situation zu beseitigen“, schreibt der Betriebsrat. Die Maßnahmen könnten „von einer (einfachen) Ermahnung bzw. Belehrung bis hin zu einer Kündigung gehen“, belehrt der Betriebsrat seine Mitglieder.

Bisher hat die Auseinandersetzung der Gewerkschaften nach Angaben der Personalabteilung der Deutschen Bahn keinen Bahner den Job gekostet. Doch das größere Problem sieht der Betriebsrat ohnehin darin, dass der Betriebsfrieden durch Beleidigungen und andere Unflätigkeiten dauerhaft gestört wird. Die Betriebsratssprecherin spricht von „einigen“, aber weniger als 50 Meldungen, doch sie glaubt, dass viele Kollegen sich auch scheuen, Vorfälle zu berichten. Die Dunkelziffer dürfte also weitaus höher liegen.

Kommentare zu " Streit bei der Bahn: Wenn Lokführer handgreiflich werden"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%