Streit um Wertheim-Grundstücke
Karstadt zahlt Millionen-Entschädigung

Seit Jahren tobt ein Rechtsstreit zwischen den Erben der jüdischen Kaufmannsfamilie Wertheim und dem Essener Handelskonzern Karstadt-Quelle. Es geht um Grundstücke, die die Nazis enteignet hatten und die auf Umwegen in den Besitz von Karstadt gelangt waren. Nun ist der Streit beigelegt – gegen Zahlung einer nicht ganz kleinen Summe.

HB DÜSSELDORF/BERLIN. Der Konzern teilte am Freitag mit, dass mit der Jewish Claims Conference (JCC) eine außergerichtliche Einigung erzielt worden sei. Damit seien alle strittigen Fragen erledigt. Die Familie Wertheim ziehe ihre Schadenersatzklage gegen den Warenhaus-Konzern zurück.

Die JCC verfügt über die gerichtlich anerkannten Rechte am früheren Grundbesitz und Vermögen der Wertheim-Erben. Die vereinbarte Entschädigungssumme beträgt nach Angaben der JCC 88 Mill. Euro. Die Gelder sollen in Projekte zur Unterstützung der Überlebenden des Holocausts fließen.

Die außergerichtliche Einigung kam nach knapp einjährigen Verhandlungen zustande. Der gerichtliche Konflikt zwischen dem Warenhaus-Konzern und den etwa 50 Überlebenden der von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Wertheim-Familie wurde seit dem Jahr 2000 ausgetragen. US- und deutsche Gerichte waren damit in mehreren Instanzen beschäftigt. Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff dankte Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl für seine Vermittlung.

Kernpunkt der Einigung ist eine Entschädigung für ein Grundstück im so genannten Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz. Es war nach Kriegsende zunächst Teil Ostberlins und fiel 1988 im Zuge eines Gebietstausches an den Westteil der Stadt. Nach der Wende überließ der Berliner Senat das Grundstück für den symbolischen Preis von 1 DM der Kaufhaus-Kette Hertie. Nachdem Karstadt-Quelle Hertie übernommen hatte, verkaufte der Konzern das Gelände in Berlin-Mitte für 145 Mill. Euro an den Metro-Eigentümer Otto Beisheim. Dieser errichtete dort das Beisheim-Center und die Luxushotels Ritz-Carlton und Marriott. Gerichte sprachen der ICC und damit in der Folge den Wertheim-Erben die Rechte an diesem Grundstück zu.

Eine der höchsten Entschädigungssummen

Laut JCC handelt es sich um eine der höchsten Entschädigungssummen, die je für eine Enteignung während der Nazizeit gezahlt wurden. „Das Materielle sei aber nicht das Entscheidende“, sagte Gideon Taylor, Executive Vice President der JCC. Die Einigung zwischen Karstadt-Quelle und der JCC habe vielmehr „gewaltigen symbolischen Charakter. Sie ist ein sehr wichtiger Schritt, um das Unrecht der Vergangenheit zu korrigieren“. Nach einer Begegnung mit Karstadt-Quelle-Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff vor einigen Wochen in Frankfurt einigten sich der Konzern und die JCC auf die Grundzüge der jetzt getroffenen Vereinbarung.

Noch im vergangenen Jahr hatte KarstadtQuelle eine Entschädigung für das Lenné-Dreieck kategorisch abgelehnt und wollte sich notfalls auf einen Rechtsstreit einzulassen. Rückstellungen für eine Einigung mit der JCC hat der Konzern entgegen früheren Aussagen aber bereits gebildet.

Die Börsianer nahmen die Einigung mit gemischten Gefühlen auf. Der Schlussstrich sei eigentlich positiv, hieß es auf dem Parkett, zumal zuvor über Entschädigungssummen von bis zu 200 Mill. Euro spekuliert worden sei. Trotzdem drehte der Kurs anfangs nach einer festeren Notierung ins Minus. Er erholte sich dann aber wieder.

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