Strommarkt
In jedem Fall schuldig

Die Strombörse EEX in Leipzig wehrt sich gegen Vorwürfe, die Energieversorger hätten die Preise zum Schaden der Verbraucher manipuliert. Doch selbst wenn sich herausstellen sollte, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist, werden die Angriffe auf EON, RWE & Co. nicht aufhören.

DÜSSELDORF. Die Leipziger Strombörse kämpft um ihren Ruf. Kurzfristig setzte die European Energy Exchange (EEX) am Dienstag eine Pressekonferenz in Frankfurt an. Vorstandschef Hans-Bernd Menzel trat dabei entschlossen den Vorwürfen entgegen, an der EEX würden Preise manipuliert: „Unser Handel läuft ordnungsgemäß.“

Die EEX ist in Erklärungsnot. Bereits am 18. Februar waren anonym geheime Handelsdaten per E-Mail an zahlreiche Energieexperten versandt worden. Wie das Magazin „Der Spiegel“ berichtet, sollen die Daten belegen, dass an der Strombörse die Preise künstlich nach oben getrieben werden: Die Produzenten, namentlich RWE, agierten an der Börse auch als die größten Käufer, um so das Preisniveau zu heben. Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat inzwischen Vorprüfungen eingeleitet, auch das Bundeskartellamt und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) untersuchen die Daten. Verbraucherschützer sind auf den Barrikaden. Politiker wie Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Dietrich Austermann (CDU) fordern eine grundlegende Reform des Energierechts und eine schärfere Kontrolle der Preisbildung an der EEX.

Besonders erzürnt sind vor allem die Vertreter der Großkunden aus der Industrie. Zwar wird nur rund ein Achtel des Strombedarfs an der Börse gehandelt. Der Börsenpreis wird aber für gewöhnlich als Referenzgröße in den Verträgen herangezogen, die die Unternehmen bilateral mit den Stromproduzenten abschließen. „Der Vorwurf eines abgestimmten Verhaltens der deutschen Stromriesen und damit eine unerhörte Preistreiberei in Milliardenhöhe liegen nahe“, sagte gestern Manfred Panitz, Geschäftsführer des Verbands der Energie-Abnehmer (VEA), der zahlreiche Mittelständler vertritt. Die Konzerne hätten einfaches Spiel, weil es der Börse an Liquidität fehle. Große Marktteilnehmer hätten daher auch großen Einfluss auf die Preise. „Industrie und Privatkunden werden um Milliarden Euro betrogen“, klagt Panitz.

EEX-Chef Menzel bestätigte zwar, dass die Daten in der E-Mail korrekt seien. Die Schlüsse, die daraus gezogen würden, dass die Daten Manipulationen belegen, seien aber irreführend. Die EEX werde „hochgradig überwacht“, sie arbeite permanent mit dem Bundeskartellamt, der Bundesnetzagentur, der BaFin und auch den EU-Behörden zusammen. Die jetzt verbreiteten Daten lägen allen Aufsichtsbehörden vor. Sämtliche Analysen offizieller Stellen hätten gezeigt, „dass das Geschehen an der Börse ordnungsgemäß abläuft“. Die Energiehändler haben noch Vertrauen in die EEX. Klaus Krämer, Geschäftsführer der deutschen Sektion des europäischen Gas- und Stromhändlerverbands Efet spricht gar von „Verschwörungstheorien“: „Ich habe noch keinen gefunden, der erklären kann, wie die Manipulationen abgelaufen sein sollen.“ Die Börse sei hochgradig reguliert, und die Daten, die die EEX zur Verfügung stelle, seien absolut korrekt. Er verweist darauf, dass sich die Preise an den anderen europäischen Börsen, beispielsweise in Frankreich, im Gleichklang mit der EEX bewegten. Der Verband fordert zwar von den Anbietern noch mehr Transparenz. Die Daten, die die großen Produzenten inzwischen über ihre Kraftwerke zur Verfügung stellten, reichten nicht aus. Die grundsätzliche Funktionsfähigkeit der Börse stehe aber nicht in Frage. „Wenn es wirklich berechtigte Zweifel gebe, würden doch nicht ständig die Umsätze und die Zahl der Handelsteilnehmer steigen, und dann würden sich doch auch nicht Profis wie die Deutsche Bank beteiligen.“

Wenig Konkurrenz

In der Tat kann die Strombörse kräftige Zuwächse vorweisen. Inzwischen handeln an der EEX, die 2002 aus Handelsplätzen in Leipzig und Frankfurt hervorging, 161 Teilnehmer. Neben den Tradingabteilungen der großen Versorger sind das auch ausländische Wettbewerber, Stadtwerke, große Industriekonzerne, aber auch Finanzhäuser.

Das Problem liegt nach Ansicht von Energieexperten nicht bei der EEX, sondern beim zu Grunde liegenden Energiemarkt. Die Händler können nur das handeln, was vergleichsweise wenige Produzenten zur Verfügung stellen – und in Deutschland werden über 80 Prozent der Erzeugungskapazität von den vier Großen der Branche, Eon, RWE, Vattenfall Europe und Energie Baden-Württemberg, kontrolliert. Der Dresdner Energiewirtschaftler Christian von Hirschhausen spricht von einem Strukturproblem: „Die vier großen Produzenten haben eine marktbeherrschende Stellung. Gleichzeitig treten diese Produzenten auch als Händler auf und verfügen so über Insiderinformationen.“ Einer Studie der TU Dresden zufolge waren die Energiepreise in den Jahren 2005 und 2006 wegen dieser Marktmacht etwa 20 bis 30 Prozent zu hoch. „Um die Preise zu drücken, sollten neue Anbieter und ausländische Stromproduzenten auf den Markt kommen.“

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