Stromnetze
Versorger wollen mehr investieren

Die Anforderungen an die Stromnetze wachsen ständig. Vorwürfe, die Netze befänden sich in einem schlechten Zustand, weisen die Branche und auch Fachleute allerdings unisono zurück. Auch die Forderung nach einer europäischen Regulierungsbehörde stößt auf wenig Gegenliebe.

BERLIN. „Die Energieversorgungsunternehmen haben keine maroden Netze, aber sie müssen heute mit viel stärkeren Belastungen rechnen. Das ergibt sich aus dem zunehmenden Handel mit Strom und aus dem Ausbau der Windkraft in Norddeutschland“, sagte Stephan Kohler, Geschäftsführer der staatlichen Deutschen Energieagentur (Dena), dem Handelsblatt.

Kohler betonte, für den Stromausfall am Wochenende sei nicht die Windkraft ursächlich gewesen. Auch die Windanlagen-Betreiber weisen diesen Vorwurf zurück: Die Einspeisung der Windkraftanlagen sei zum Zeitpunkt des Zwischenfalls nur minimal vom prognostizierten Wert abgewichen. Die Anschuldigungen, ein Überangebot habe die Netze überlastet, seien daher nicht nachvollziehbar, hieß es beim Bundesverband Windenergie.

Unumstritten ist allerdings, dass der Ausbau der Windenergie zusätzliche Leitungskapazitäten erfordert. Die Dena kommt in ihrer Netzstudie zu dem Ergebnis, dass für den Abtransport des ganz überwiegend in Norddeutschland entstehenden Windstroms bis 2015 zusätzliche Leitungen im Höchstspannungsübertragungsnetz mit einer Länge von insgesamt 850 Kilometern erforderlich werden. Die Kosten für den Ausbau belaufen sich auf 1,1 Mrd. Euro. Die vier großen Übertragungsnetzbetreiber haben erst kürzlich dargelegt, dass sie dabei sind, diese zusätzlichen Kapazitäten zu schaffen.

Doch damit nicht genug. Auch der geplante Ausbau von Windenergieanlagen vor der Küste erfordert Leitungen. Erst Ende Oktober hatte sich die große Koalition darauf verständigt, den Bau von Offshore-Windparks mit einer Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes voran zu bringen. Künftig sollen die Betreiber der Übertragungsnetze die Anbindung der Anlagen ans Stromnetz bezahlen. Nach bisheriger Rechtslage müssen die Betreiber die Kosten für die Verkabelung selbst tragen. Die Kosten für die Netzanbindung machen bis zu 30 Prozent der gesamten Investition in eine Anlage im offenen Meer aus. Die Regelung soll für alle Windparks vor der Küste gelten, mit deren Bau bis zum 31. Dezember 2011 begonnen wird.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) wies gestern Forderungen nach einer EU-Netzaufsicht zurück. Eine neue Behörde sei nicht notwendig. Allerdings müsse es eine bessere Abstimmung der Aufsichtsbehörden geben.

Entgegengesetzter Meinung ist der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Claude Mandil, der sich für eine solche Behörde ausspricht: „Die Abstimmung zwischen den Netz-Gesellschaften und den nationalen Regulierungsbehörden hat nicht funktioniert. Das ist eine der ersten Lektionen, die aus dem Vorfall gelernt werden müssen.“ Man habe der EU-Kommission bereits früher vorgeschlagen, einen einzigen europäischen Regulierer für den Stromtransport über die Grenzen einzusetzen. Die nationalen Regierungen hätten dies aber abgelehnt. „Vielleicht führen die Vorfälle zu einem Umdenken“, sagte Mandil.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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