Swiss verbucht 350 Milionen Euro Verlust
Swiss schluckt bittere Pillen – so oder so

Die schwer angeschlagene Schweizer Fluglinie Swiss steht vor einer höchst unangenehmen Entscheidung – und gerät dabei immer stärker in Zeitnot. Weiterer Alleingang am Rande der Pleite oder Bittgang zum großen Rivalen Deutsche Lufthansa?

DÜSSELDORF/ZÜRICH. „Wir brauchen einen Betriebskredit in Höhe von 500 Millionen Franken“, bestätigte eine Konzernsprecherin gestern. Ob es denn dringend sei, wie Schweizer Medien kolportieren? „Das kommentieren wir nicht.“

Auf erneute Hilfe vom Bund darf die erst vor gut 16 Monaten gestartete Nachfolgerin der bankrotten Swissair nicht mehr hoffen. „Auch andere Branchen haben Probleme, und der Bund kann und will auch dort keine Unterstützung bieten“, sagte Wirtschaftsminister Joseph Deiss der „Zürcher Sonntagszeitung“. Unterdessen berichten Schweizer Medien übereinstimmend, die Verluste der Swiss hätten sich in den ersten sechs Monaten 2003 bereits auf rund 350 Mill. Euro erhöht. Patrick Schwendimann, Analyst der Zürcher Kantonalbank, hat seine Swiss-Verlustprognose für das Gesamtjahr auf 468 Mill. Euro hoch geschraubt – nach einem Minus von 667 Mill. Euro im Vorjahr.

Vor dem Hintergrund massiver Swiss-Verluste kommentieren Branchenexperten anhaltende Spekulationen um einen Lufthansa-Einstieg mit wachsendem Unverständnis: Während Lufthansa offiziell beharrlich schweigt, wundert sich die Branche über Meldungen, wonach die Deutschen ein Angebot zur langfristigen Swiss-Übernahme vorgelegt haben sollen. Der Unternehmensberater und Luftfahrtexperte Christoph Brützel glaubt, dass eine Lufthansa-Beteiligung zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn macht: „Die Struktur der Swiss ist noch so überfrachtet, dass eine Rettung nicht spät genug kommen kann. Im Zweifel setzen die erforderlichen Abbaumaßnahmen die Einleitung eines Konkursverfahrens voraus.“

Die Zahl der Skeptiker ist groß und reicht hinauf bis in den Vorstand, heißt es in Lufthansa-Unternehmenskreisen. „Bevor die Swiss nicht endlich Ballast abwirft und sich auf einen Markt konzentriert, macht das keinen Sinn“, sagt ein langjähriger Lufthansa-Manager. Noch immer leisten sich die Schweizer eine aus deutscher Sicht völlig überdimensionierte Langstreckenflotte; darüber hinaus gilt die Topetage der Swiss als führungsschwach und das Personal – bestehend aus früheren Swissair-Piloten und Mitarbeitern der einstigen Regionaltochter Crossair – als heillos zerstritten. „Bevor sich Lufthansa die Swiss ans Bein bindet, sollte sie lieber die polnische Lot kaufen“, sagt ein renommierter Branchenberater, der nicht genannt werden will.

„Der Zeitpunkt für Verhandlungen ist jetzt der Richtige“, sagt indes Jürgen Ringbeck, Luftfahrtexperte bei Booz Allen Hamilton. Wenn die großen Konkurrenten Air France oder British Airways beim Schweizer Patienten zum Zuge kämen, würde die Situation für Lufthansa „nicht angenehmer“. Allerdings dürften die Konditionen für Swiss und die beteiligte Schweizer Politik überaus hart ausfallen: Auf dem Wunschzettel der Lufthansa steht laut Ringbeck eine deutliche Ausdünnung der Langstrecken, das weitgehende Reduzieren der Swiss auf einen Lufthansa-Zubringer sowie die Übernahme der dafür notwendigen Restrukturierungskosten – bittere Medizin für eine Airline, die im Vorjahr angetreten ist, die „zivilisierte Luftfahrt“ neu zu erfinden.

Der Swiss-Verwaltungsrat wird in der kommenden Woche diskutieren, ob der Kontakt zur Lufthansa intensiviert werden soll. Ueli Maurer, Präsident der Schweizerischen Volkspartei, befürchtet ein Pokerspiel der Lufthansa: „Sie wird erst zuschlagen, wenn die Swiss ganz am Boden ist.“

Quelle: Handelsblatt

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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