Tabakindustrie

Viel Rauch um eine Richtlinie

Die Zigarettenhersteller starten einen neuen Angriff auf die Tabakrichtlinie der EU. Berlin will den Konzernen entgegenkommen. Dabei hat verschärfte Regulierung der hochprofitablen Branche bisher noch nie geschadet.
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„Der Teufel steckt im Detail“. Quelle: dpa
Neue Tabakrichtlinie

„Der Teufel steckt im Detail“.

(Foto: dpa)

HamburgEs war eine der größten Lobbyistenschlachten in Brüssel – mit Verlusten: Der damalige Gesundheitskommissar John Dalli musste im Kampf um die Tabakrichtlinien wegen angeblicher Bestechlichkeit zurücktreten. Bürokraten, Politiker, Unternehmen und Strippenzieher stritten um jedes Wort in der Tabakproduktrichtlinie. Als sie 2014 verabschiedet wurde, ging sie den Zigarettenkonzernen dennoch zu weit: So müssen ab Mai 2016 auf den Zigarettenschachteln schockierende Fotos von Tumoren und Raucherbeinen prangen. Ältere Schachteln dürfen dann nur noch ein Jahr lang verkauft werden. Und die Konzerne sollen jede einzelne Schachtel technisch rückverfolgbar machen, um den Schmuggel einzudämmen.

Ein Jahr bevor die Richtlinie in Kraft treten soll, schlägt die Industrie erneut Alarm. „Es fehlen konkrete Durchführungsvorschriften. Für die Umsetzung in deutsches Recht gibt es noch nicht mal ein Gesetzgebungsverfahren. Das heißt, vor März oder April 2016 wird noch nichts im Bundesgesetzblatt stehen“, sagte der Deutschlandchef von British American Tobacco, Ralf Wittenberg, dem Handelsblatt. Der zweitgrößte Tabakkonzern der Welt produziert jährlich 200 Milliarden Zigaretten in Deutschland, die meisten davon für den Export in andere EU-Länder.

Wittenberg warnte, die Industrie könne ihre Verpackungen nur mit einem Jahr zeitlichen Vorlauf umstellen, brauche also schnell Planungssicherheit. „Der Teufel steckt im Detail: Welche Bilder sollen gedruckt werden? In welcher Rotation sollen die verschiedenen Bilder gewechselt werden?“, fragte er. Auch der angestammte Platz für die Steuerbanderole sei mit den neuen Warnbildern, die die oberen zwei Drittel der Packungen bedecken sollen, nicht mehr frei.

Die Diskussion hat auch das politische Berlin erreicht. Dabei will der zuständige Minister Christian Schmidt (CSU) der Branche eigentlich möglichst weit entgegen kommen. Die Richtlinie solle „eins zu eins umgesetzt werden“, sagte ein Ministeriumssprecher – also im Gesetzgebungsprozess nicht weiter verschärft werden. Allein für elektronische Zigaretten solle der Jugendschutz verbessert werden, der Kauf etwa erst ab 18 Jahren freigegeben sein.

Der Tod raucht mit
Rauchverbot in NRW
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Gesundheitsrisiko Nummer eins: Jeder sechste der jährlich rund 850.000 Toten in Deutschland ist laut Statistik an den Folgen des Rauchens gestorben. Raucher verkürzen ihre durchschnittliche Lebenserwartung um fünf, ambitionierte Tabakkonsumenten sogar um neun Jahre.

EU-Kommission schlägt neue Regeln für Zigaretten vor
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Rauchen begünstigt viele Krebsarten: Jeder, der raucht, hat ein zweimal höheres Risiko an Krebs zu erkranken als Nichtraucher. Etwa 90 bis 95 Prozent der erwachsenen Lungenkrebspatienten sind oder waren Raucher. Das Risiko, an Mundhöhlen-Krebs zu erkranken, steigt durch regelmäßigen Tabakkonsum um den Faktor 27, bei Kehlkopfkrebs um den Faktor 12.

Bluthochdruck weltweit größte Gesundheitsgefahr
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Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Schlaganfälle und Herzinfarkte verursachen die meisten Toten in Deutschland. Raucher trifft es besonders oft, Herzinfarkte vor dem 40. Lebensjahr betreffen fast ausschließlich Raucher. Ihr Risiko ist drei- bis viermal so hoch wie das von Nichtrauchern. Denn der Tabakkonsum verengt die Blutgefäße, lässt den Blutdruck steigen und schränkt die Leistungsfähigkeit des Herzens ein.

AOK - Fehlzeiten-Report 2013
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Blauer Dunst: Der Rauch einer Zigarette enthält laut Weltgesundheitsorganisation mehr als 4000 chemische Stoffe. Mindestens 250 von ihnen gelten als schädlich, 50 können nachweislich eine Krebserkrankung begünstigen.

huGO-BildID: 11220845 Ein Gast einer Pilsstube in Ludwigsburg raucht am Mittwoch, 30. Juli 2008, eine Zigarette, waehrend auf dem Fernseher der Praes
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Männer nehmen ein höheres Risiko der Impotenz in Kauf. Erbschäden in den Spermien rauchender Männer können direkt an die Nachkommen weitergegeben werden.

Rauchen
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Frauen erhöhen durch Nikotin-Konsum ihr Risiko für Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Osteoporose oder Unfruchtbarkeit. Vor der Menopause versechsfacht sich das Risiko für Raucherinnen, an einem Herzinfarkt zu sterben.

Hebamme mit Säugling
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Rauchen in der Schwangerschaft:

Nikotin hemmt die Durchblutung der Plazenta, der Säugling wird schlechter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Die Folgen sind ein oft geringeres Geburtsgewicht, eine erhöhte Gefahr des plötzlichen Kindstods sowie spätere Hyperaktivität und Lernschwierigkeiten des Kindes.

So sollen Regeln, die für nikotinhaltige Liquids gelten, auch auf nikotinfreie E-Zigaretten ausgedehnt werden, weil auch dort krebserregende Stoffe entstünden. Das berichteten nach Angaben von Teilnehmern auch Staatssekretär Peter Bleser und die Drogenbeauftragte Marlene Mortler im Juni im Bundestags-Ausschuss für Verbraucherschutz.

Hersteller fürchten Einheitsverpackungen
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1 Kommentare zu "Tabakindustrie: Viel Rauch um eine Richtlinie"

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  • Zitat: Dabei hat verschärfte Regulierung der hochprofitablen Branche bisher noch nie geschadet.
    Gibt es dafür irgend einen Beleg? Ist der Autor des Google mächtig? Wie steht der Autor zu dem belegten Anstieg illegaler und extrem schädlichen Zigaretten? Wie kommt es, dass seit Jahren die meist gerauchte Zigarette in Deutschland, eine illegale Marke ist? Wie passt das, zu dem Gutmenschlichen Ansinnen, doch die Bevölkerung nur vor Gesundheitsrisiken warnen zu wollen?
    Wie kommt es, dass E Zigaretten so angegriffen werden? Weil da 2 natürliche Alkohole und 10% wasser mit selbst regulierbarem nikotin (bis 0) drin sind? Oh Gott, ich hab Klosterfrau m. Geist inhaliert als ich krank war, muss ichjetzt sterben? Wo sind die Belege für angebliche Gesundheitsgefahren? Nein, hier sind Gutmenschen unterwegs, die gerade über Leichen gehen!

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