Tarifkonflikt
Werden Sie Lokführer!

Erfolg für Hartmut Mehdorn: Im Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn und der Lokführergesellschaft GDL verweist der Bahnchef stolz auf seine unlängst initiierte Anzeigenkampagne „1 000 Lokführer gesucht“. 5 000 potentielle Lokführer haben sich gemeldet – derweil sorgt ein neues Auftragsgutachten der Bahn für Wirbel.

DÜSSELDORF. Man kann sich das breite Grinsen auf dem Gesicht von Bahnchef Hartmut Mehdorn lebhaft vorstellen. Mehr als 5 000 Bewerber stehen Schlange, um sich bei der Deutschen Bahn zum Lokführer ausbilden zu lassen. Ausgerechnet in dem Beruf, der nach Ansicht der Lokführergewerkschaft GDL so unterbezahlt ist, dass ein Lohnaufschlag von 31 Prozent keine unverschämte Forderung darstellt.

Die Deutsche Bahn lässt nichts unversucht, im Tarifstreit mit den Lokführern die Kessel weiter einzuheizen. Es ist natürlich kein Zufall, dass Mehdorn ausgerechnet gestern, wenige Stunden vor Beginn des 30-stündigen Streiks, die Ergebnisse der Anzeigenkampagne „1 000 Lokführer gesucht“ präsentiert. Und dabei betont, dass darunter auch Kandidaten seien, die bisher bei Konkurrenten der Deutschen Bahn arbeiten, sich dort aber zu schlecht bezahlt fühlen.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) lässt sich vor Mehdorns Zug spannen. In einem Auftragsgutachten bescheinigt es ihm, dass die Lokführer mit ihrem Monatsgehalt von bis zu 2 100 Euro brutto besser bezahlt werden als Fernfahrer oder Maschinenführer in der Industrie.

GDL-Chef Manfred Schell, der, statt in Berlin zu verhandeln, aus seiner Kur am Bodensee die Zeitungen der Republik mit Interviews füttert, denkt jetzt wahrscheinlich über die nächste Eskalationsstufe nach. Als Erstes folgt vielleicht eine groß angelegte Plakataktion mit dem Slogan: „Neuer Bahnchef gesucht“. Angesichts eines Gehalts von mehr als drei Millionen Euro im Jahr dürften sich doch sicher mehr als 5 000 Bewerber finden, die Schell dann mit einem breiten Grinsen als potenzielle Mehdorn-Nachfolger präsentieren könnte. Auch eine Studie, die Mehdorns Erfolge mit denen anderer europäischer Bahnchefs vergleicht, böte sich als öffentlichkeitswirksamer Gegenschlag an.

Während Mehdorn („Krieg durch Streik“) und Schell („Fehdehandschuh aufnehmen“) im Streit mit vollen Schaufeln die Kohlen nachlegen, stehen die Kunden frierend und wartend auf dem Bahnhof und wundern sich.

Die Ausbildung zum Lokführer könnte da ganz praktische Hilfe zur Selbsthilfe werden: Genervte Pendler sollten Mehdorns Angebot annehmen und sich bei der Deutschen Bahn entsprechend schulen lassen. Wenn das nächste Mal eine Regionalbahn stehenbleibt – sei es wegen Streiks oder wegen zu knapper Personalplanung der Bahn –, könnten diese speziell ausgebildeten Fahrgäste kurzerhand einspringen und den Zug an sein Ziel bringen. Der Applaus und sicher auch das eine oder andere Trinkgeld ihrer Leidensgenossen am Bahnsteig dürften ihnen sicher sein.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum
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