Tarifstreit
Lokführer geben drei Tage Ruhe

Atempause im Tarifstreit bei der Deutschen Bahn: Die GDL wird ihre Mitglieder für Freitag nicht zu Streiks aufrufen. Auch am Wochenende sollen alle Züge rollen. Ein möglicherweise kluger taktischer Schachzug der Lokführer: Denn bei den Ausständen am Donnerstag zeigten sich bereits viele Reisende genervt – die Stimmung droht zu kippen.

HB FRANKFURT/BERLIN. Zum dritten Mal innerhalb von zwei Wochen waren die Mitglieder der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) am Donnerstag in den Ausstand getreten. Im Nahverkehr gab es zwar vielerorts Zugausfälle und Verspätungen, doch von Chaos war in den Bahnhöfen keine Spur. Dafür mussten sich die Berufspendler auf überfüllten Straßen durch Staus quälen - viele waren vorsorglich aufs Auto umgestiegen. Die Deutsche Bahn bezweifelte den Erfolg der Aktion. Weniger als 40 Prozent der Regionalzüge und S-Bahnen seien während des neunstündigen Streiks ausgefallen.

Jetzt gibt es zunächst eine Atempause, die GDL will erst einmal drei Tage lang nicht streiken. In dieser Zeit könnten sich die Tarifkontrahenten wieder annähern. Am Sonntagnachmittag will sich die GDL dazu äußern, ob für Montag mit einem neuen Ausstand zu rechnen ist. Eine Wiederaufnahme von Gesprächen zeichnete sich am Donnerstag nicht ab.

Die Streikbereitschaft der Lokführer scheint ungebrochen. „Die GDL-Mitglieder stehen wie eine Eins hinter unseren Tarifforderungen“, sagt der Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft, Günther Kinscher. Angesichts der gewaltigen Gewinne der Bahn AG und der Gehaltszuwächse, die sich der Vorstand genehmigte, hätten viele Bahnbeschäftigte das Gefühl, jetzt auch einmal dran zu sein. Von der Forderung nach 31 Prozent mehr Geld ist die GDL zwar inzwischen abgerückt, aber sie will doch „angemessene Entgelt- und Arbeitszeitverbesserungen“, die in einem eigenständig ausgehandelten Tarifvertrag festgeschrieben werden.

„Der eigene Tarifvertrag ist das A und O“, sagt der Frankfurter Politikwissenschaftler Josef Esser. Die GDL wolle sich von den größeren Bahngewerkschaften Transnet und GDBA „total emanzipieren“, weil sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit den von diesen ausgehandelten Regelungen gemacht habe. 2003 habe sie sich dazu noch nicht stark genug gefühlt, aber jetzt wolle die GDL die Gunst der Stunde nutzen. Ein langer Tarifkonflikt passe nicht zum geplanten Börsengang der Bahn. „Dafür braucht sie das Image eines friedlichen, modernen Logistikunternehmens“, sagt Esser.

Doch die Bahn kann den Lokführern nicht so einfach entgegenkommen. Weicht sie von den 4,5 Prozent Plus bei Löhnen und Gehältern ab, die sie mit Transnet und GBDA vereinbart hat, müsste sie auch alle anderen tarifgebundenen Mitarbeiter der Bahn besserstellen. Dafür würden im Zweifel Transnet und GDBA sorgen, die als Faustpfand eine Ausstiegsklausel aus der Tarifvereinbarung mit der Bahn haben, sollte der Konzern der GDL günstigere Konditionen einräumen. „Wir müssen hier hart bleiben“, sagt deshalb Bahn-Personalchefin Margret Suckale. „Was wir hier erleben, werden wir jede Lohnrunde wieder erleben, wenn sich die GDL hier durchsetzt“, befürchtet Suckale.

Die Streikkasse der GDL ist nach Angaben der Funktionäre prall gefüllt - in der 140-jährigen Geschichte der Gewerkschaft gab es bislang keinen kostspieligen Arbeitskampf. Doch die anfängliche Sympathie für das Anliegen der Lokführer schwindet von Streik zu Streik. Nach der jüngsten Forsa-Umfrage haben nur noch 43 Prozent der Bundesbürger Verständnis für die Forderungen der GDL, 55 Prozent der Befragten lehnen die Streiks ab. Zudem sorgt die Abwesenheit des sonst omnipräsenten GDL-Vorsitzenden Manfred Schell für Negativschlagzeilen. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Konflikts zog er sich für drei Wochen zu einer Kur an den Bodensee zurück.

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