Tchibo in der Krise
Risse im System

Managementfehler und Eigentümerstreit haben den Handelsriesen Tchibo in die Krise getrieben. Mit einem geheimen Masterplan soll der neue Chef Arno Mahlert den Turn-around erzwingen. Doch von der Entwicklung neuer Geschäftsfelder ist nicht viel zu erkennen, es geht um die Stärkung von Vorhandenem.
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DÜSSELDORF. Es ist spät geworden in den Büros der Tchibo-Zentrale am Überseering 18, nördlich der Hamburger Außenalster. Das Top-Management des Kaffee-, Konsumgüter- und Handelskonzerns hat noch einiges vor sich. Erst am Tag zuvor hat das Unternehmen die Ernennung des bisherigen Finanzschefs Arno Mahlert zum neuen Vorstandsvorsitzenden bekannt gegeben. Wie soll es nun weitergehen? Mitten in die Gespräche platzt eine Nachricht: "Herz-Geschwister verkaufen Puma-Aktien an französischen Luxusgüterkonzern" - bei den Nachrichtenagenturen laufen die ersten Meldungen der Übernahme von Puma durch PPR über die Ticker.

In dem Meeting an jenem Abend des 5. April sitzt auch Michael Herz, einflussreichster Gesellschafter der Tchibo-Holding, Aufsichtsrat - und Bruder von Günter und Daniela Herz, die gerade dabei sind, für ihr zweijähriges Intermezzo bei Puma 600 Millionen Euro Rendite einzustreichen. Als diese Neuigkeit in der Sitzung die Runde macht, reagiert Herz sportlich. Der 63-jährige Milliardär und passionierte Pferdezüchter - Lebensmotto: "Handel ist wie Vollblutreiten" - zollt den Geschwistern Respekt, lobt ihre schlaue Anlagestrategie.

Was bleibt ihm auch anderes übrig? Nach endlosen Streitereien um den richtigen Unternehmenskurs hatten sich Günter und Daniela Herz vor vier Jahren von ihren Tchibo-Anteilen getrennt. Bitterer könnte die Ironie des Schicksals nun nicht sein: Während bei den beiden Geschwistern die Champagner-Korken knallen, muss Michael Herz mit dem Tchibo-Management über Konsolidierung und Kostensenkung verhandeln. Denn der Gigant Tchibo steckt nach Managementfehlern und jahrzehntelangem Streit unter den Herz-Geschwistern in einer der schwersten Krisen der Unternehmensgeschichte.

Die einstige Innovationsmaschine stottert. Der Umsatz der Tchibo GmbH, die das Geschäft mit Kaffee und Konsumgütern betreibt, ging 2006 zurück, der operative Gewinn brach über ein Drittel ein. Und die Krise wird wohl andauern: Das Top- Management der Holding - zu der auch der Nivea-Konzern Beiersdorf gehört - geht davon aus, dass Tchibo frühestens in zwei Jahren zu alter Stärke zurückfinden wird. Um das zu erreichen, hat Mahlert, der am 1. Mai den Vorstandsvorsitzenden Dieter Ammer ablösen wird, einen Masterplan erstellt. Der auffälligste Schritt: Die Produktmarke TCM soll verschwinden, stattdessen soll es neue Marken geben. Zudem soll das Sortiment das Billigimage verlieren, das Kostenniveau gedrückt und das Auslandsgeschäft ausgebaut werden.

Seit dem Tod von Unternehmensgründer Max Herz 1965 streiten sich sechs Tchibo-Erben um die Macht im Konzern: Neben Mutter Ingeburg Herz die Geschwister Günter, Michael, Wolfgang, Joachim und Daniela. Es geht dabei vor allem um die Frage, welcher der Brüder ein würdiger Nachfolger von Vater Max ist. Günter Herz hatte in dem Rennen bisher die Nase vorn: Er gilt als der Erfinder des ständig wechselnden Warenangebots im Kaffeeladen - von Strümpfen bis Stereoanlagen, von Wanderstöcken bis zum handlichen Weltempfänger. Mit diesem Konzept (Slogan: "Jede Woche eine neue Welt") formte er aus dem vergleichsweise beschaulichen Kaffeehandel des Vaters einen renditeträchtigen, rapide wachsenden Handelskonzern. Vor vier Jahren stieg er bei Tchibo aus.

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