Textilfabriken in Bangladesch
„Eigentlich müssten wir alle Fabriken schließen“

Ein Jahr nach dem furchtbaren Fabrik-Unglück in Bangladesch achten westliche Einkäufer und die bengalische Regierung stärker auf die Sicherheit – und gehen doch viele Kompromisse ein. Ein Besuch vor Ort.
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Dhaka, SavarSie stehen wieder am Straßenrand, wie so oft in den vergangenen Monaten, die alte Frau und der kleine Junge. Sie halten das Foto von ihrem toten Sohn und Vater in die Kameras, das Passbild mit dem gebügelten Hemd. Gerade einmal drei Wochen arbeitete er als Näher in der Fabrik, bevor sie einstürzte. 26 Jahre alt war Siddik, als er am 24. April 2013 starb – zusammen mit 1126 anderen Menschen.

Seine Mutter spricht wieder in die Mikrofone der zahlreichen Reporter, erzählt, wie die Fabrikmanager die Arbeiter drängten, in das Gebäude mit den Rissen im Beton zu gehen, kurz bevor das Rana Plaza genannte Hochhaus in sich zusammensackte. Einfach so – weil der Gebäudebesitzer mehr Stockwerke gebaut hatte als erlaubt. Die versprochene Entschädigung, übertönt ein Gewerkschafter die alte Dame per Megafon, stehe noch aus. Ein junger Aktivist einer Belgischen Entwicklungshilfeorganisation stiftet die Umstehenden an, die Faust zum Arbeitergruß zu recken.

Die Erinnerung an den Fabrikeinsturz ist in Bangladesch auch nach einem Jahr nicht verblasst. Nicht nur die regelmäßigen, professionell organisierten Proteste der Gewerkschaft National Garment Workers Federation (NGWF) halten die Erinnerung wach, sondern auch die neuen Sicherheitskontrollen der westlichen Modemarken und der bengalischen Behörden. Die Fabriken vor Ort stellen sich darauf ein. Ihre Mission: neues Vertrauen – bei den Einkäufern der Weltmarken, die billig in Bangladesch produzieren lassen, und bei den Kunden in Europa.

„Build your Trust“,  wirbt Heidelcement in meterhohen Buchstaben auf nacktem Beton ausgerechnet in der Industriestadt Savar, in der die Fabrik Rana Plaza einstürzte. Weniger Meter entfernt, verborgen hinter einer Stahlwand, wühlen noch immer Menschen in den Trümmern nach Brauchbarem. Neben ihnen erinnert eine Skulptur, zwei Hände kreuzen Hammer und Sichel, an die Opfer.

Um die Unglücksstelle drängt das Leben. Durch die  Straße schieben sich die Rikschas, daneben schleift ein Handwerker auf einem riesigen Rad Scheren, rasiert ein Barbier seine Kunden unter freiem Himmel, stoben die Fliegen um einen Stand mit frischen Erdbeeren. Rana Plaza stürzte vor einem Jahr an einer belebten Verkehrsstraße ein, mitten zwischen Marktständen und langen dunklen Einkaufspassagen für T-Shirts und billige Schuhe.

Savar ist ein riesiger Heimwerkermarkt für Großprojekte. Direkt neben der Einsturzstelle verkauft ein Laden Stahlmonierungen für die Stahlbeton-Skelette der oft illegalen Bauten, die anschließend mit Steinen aus den qualmenden Ziegeleien am Fluss ausgemauert werden sollen. Egal wohin der Blick von der maroden Fußgängerbrücke über die Hauptstraße schweift: Überall ragen halbfertige Betonskelette in die Höhe, wagemutig konstruiert, von Bambusstangen gestützt. Wer nur professionelle Bauten stehen lassen wollte, müsste von Savar fast alles abreißen.

Und da soll sich ausgerechnet die Textilindustrie, deren Hauptargument Billigpreise sind, an die Regeln halten? Fabriken, in denen Tausende Arbeiterinnen T-Shirts für zwei Dollar nähen?

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  • Schließen? Warum ließ man diese Bauten erst errichten? Wo floß das Schmiergeld hin?

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