Textilindustrie jenseits der Massen
Die türkische Masche

Neue Designer, neue Labels – die türkische Textilindustrie sucht nach einer eigenen Identität jenseits der Massenproduktion und der Fälscherwerkstätten. Das Potenzial ist groß, der Weg aber noch weit.

ISTANBUL. Der Teppich, der den Weg in das Istanbuler Kongresszentrum Rumeli weist, ist rot, lang und exklusiv. Die darauf flanierenden Damen sind umhüllt von feinen Stoffen. Ihre Haare sind hochgesteckt – entweder natürlich dunkel oder künstlich blond. Das Kopftuch, so steht es auf der Einladung zum Design-Wettbewerb geschrieben, ist ausdrücklich „nicht erwünscht“. Die Herren geben sich mit offenem Hemdkragen betont locker, ordern alkoholische Drinks.

Istanbul macht in dieser lauen Frühsommernacht auf Modemetropole – und die 1 000 aus aller Welt geladenen Gäste beginnen, sich wohl zu fühlen. Paris? Mailand? Istanbul? Wo ist da der Unterschied? Die Kreationen der zehn türkischen Jungdesigner jedenfalls sind genauso weltentrückt wie die Modelle in Italien, Frankreich und anderswo, wenn auch mit einem Hauch von Orient.

„Bundan 15 yil önce bir hayalin bugün ...“ Alle Nicht-Türken schauen sich an. Wie bitte? Keine Übersetzung, kein Übersetzer, nirgendwo. Zum neuen Selbstbewusstsein des Gastgebers, des Türkischen Textil- und Bekleidungsverbands (ITKIB), zählt offenbar, dass ausschließlich Türkisch gesprochen wird. Nicht einmal ein freundliches „Welcome“ erklingt. Auch nicht vom Handelsminister Kürsad Tüzmen, der die Gäste persönlich begrüßt und eigentlich fließend Englisch und Deutsch spricht. Eigentlich, nicht jedoch an diesem Abend.

Der Design-Wettbewerb in Istanbul ist nicht nur der jährliche Höhepunkt einer Branche, die nach Weltruhm strebt, sondern spiegelt auch die Entwicklung der Türkei von der Nähstube Europas zum Modemarkenland wider. Das Potenzial der türkischen Modedesigner und -industrie ist groß, der Wille ist stark, der Weg aber noch weit.

Mit niedrigen Löhnen und der geographischen Nähe zu den Großabnehmern in Westeuropa entwickelte sich die Türkei in den 80er- und 90er-Jahren zur Nähstube Europas. Lohnveredlungsbetriebe fertigten ohne eigenes Design und eigene Marken.

Die Globalisierung endete jedoch nicht am Bosporus. Die aggressive Billigkonkurrenz aus Fernost und die starke Aufwertung der türkischen Lira stoppten die schöne Sonderkonjunktur der türkischen Schneider. China löste die Türkei als wichtigstes Lieferland Europas ab.

Zwar war die türkische Textil- und Bekleidungsindustrie 2005 mit einem Volumen von 18,7 Milliarden Dollar nach wie vor der wichtigste Exportzweig des Landes. Doch sinken Produktion und Exporte seit Jahren stetig, und allein in den vergangenen zwei Jahren mussten knapp 3 000 Betriebe schließen.

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