Thiraphong Chansiri
Wenn der Fischkönig einfach aufsteht und geht

Thiraphong Chansiri ist Chef des drittgrößten Fischexporteurs der Welt. Jetzt drängt er auf den deutschen Markt. Kritischen Fragen geht der Fischkonservenkönig aber aus dem Weg. Chronik eines gescheiterten Interviews.

BangkokMitten im Interview ist Schluss. Kein Händeschütteln, kein „vielen Dank für das Gespräch“. Thiraphong Chansiri steht einfach auf und geht. Interviews können aus vielen Gründen misslingen: schlechte Fragen, zu wenig Zeit oder Gesprächspartner, die nicht auf den Punkt kommen. Dass es sich die Person, die interviewt werden soll, schon nach ein paar Fragen anders überlegt, ist mir in meinen zehn Jahren als Journalist noch nicht passiert. Im 23. Stock eines Luxushotels im Zentrum der thailändischen Metropole Bangkok lerne ich, dass auch ein gescheitertes Gespräch durchaus erkenntnisreich sein kann.

Eigentlich müsste Thiraphong Chansiri eine der besten Quellen sein, wenn man erfahren möchte wie Thunfisch und Shrimps aus Asien auf die deutschen Teller kommen. Thiraphong ist der Chef des drittgrößten Fisch- und Meeresfrüchteexporteurs der Welt, dem thailändischen Konzern Thai Union, der bei Dosenthunfisch zum globalen Marktführer aufgestiegen ist. Seine Produkte verkauft das Unternehmen in der ganzen Welt. In Deutschland will das Unternehmen mit der Übernahme von Rügen Fisch zum Fischkonservenprimus aufsteigen.

Doch die Erfolgsgeschichte des thailändischen Konzerns, den Thiraphongs Vater vor vier Jahrzehnten gründete, hat Kratzer bekommen. In Thailands Fischereiindustrie wuchert das Geschwür der Zwangsarbeit. Auf Fischerbooten sind Gastarbeiter teils jahrelang unter härtesten Bedingungen im Einsatz, ohne die versprochene Bezahlung dafür zu bekommen – Sklaverei. In den vergangenen Monaten wurden mehrere Berichte öffentlich, wonach es zu Zwangsarbeit auch bei Zulieferern von Thiraphongs Unternehmen gekommen sein soll.

Grund genug für ein Gespräch darüber, wie Thailands mächtigster Vertreter der Fischereiindustrie für eine saubere Lieferkette sorgen will und ob er den deutschen Konsumenten garantieren kann, dass sie mit ihrem Kauf nicht indirekt Sklaventreiber am anderen Ende der Welt unterstützen.

Von der ersten Interview-Anfrage bis zum Gesprächstag vergehen drei Wochen. Ich komme ein paar Minuten zu früh in den Konferenzraum, den das Unternehmen im Business-Center des Hotels reserviert hat. Es ist ein sonniger Tag, die Aussicht auf die Skyline der Stadt ist so schön, dass ich mit meinem Handy ein Foto mache. Zwei Pressesprecherinnen betreten den Raum und bringen die erste Überraschung: Sie bitten darum, keine Fragen zu den Arbeitsbedingungen zu stellen und stattdessen nur über die Pläne des Konzerns in Deutschland zu sprechen. Ich sage, dass ich mich darauf nicht einlassen kann. Schließlich hatten wir auch von Anfang an vereinbart, dass Zwangsarbeit ein Thema sein würde.

Wir warten auf den Chef. Thiraphong gibt mir die Hand. „Ein junger Journalist“, sagt er. In meinem Alter, mit 30, wurde Thiraphong vor zwei Jahrzehnten bereits in die Konzernspitze berufen, schießt mir durch den Kopf. Gut zehn Minuten reden wir über seinen Firmenkauf in Deutschland. Dann komme ich auf die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben zu sprechen. Thiraphong nimmt eine Abwehrhaltung ein. Er verschränkt die Hände vor der Brust. Er spricht davon, dass sein Unternehmen eine Politik der Nulltoleranz gegenüber Sklavenarbeit habe und beschreibt seine jüngste Maßnahme, die Lieferkette sicherer zu machen.

Doch Organisationen wie Greenpeace äußern erhebliche Zweifel, dass Thiraphongs Vorkehrungen ausreichend sind, um das Problem zu lösen. Nachfragen dazu? Nicht erwünscht. „Wenn Sie nur die Geschichte wiederholen wollen, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist, dann habe ich kein Interesse daran“, sagt Thiraphong. Dann verlangt er von mir das Aufnahmegerät auszuschalten. 15 Minuten und 40 Sekunden sind auf dem Rekorder. Ein paar Minuten spricht er ohne Aufnahme noch weiter, er wirkt genervt von meinen Fragen. Dann hat er genug – und geht.

Ich bleibe mit den Pressesprecherinnen zurück im Raum. „Es tut mir leid“, sagt eine von ihnen. „Normalerweise ist er nicht so.“ Meine Enttäuschung über das vorzeitige Ende hält sich in Grenzen. Erfahren habe ich schließlich etwas: dass in Thailands Fischindustrie eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema Sklavenarbeit noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.

Mathias  Peer
Mathias  Peer
Wirtschaftspresse Bangkok / Auslandskorrespondent
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