„Todesurteil“ für Wirtschaftsprüfer
Arthur Andersen erneut vor Gericht

Gibt es seine Todesstrafe auch für Unternehmen? Mit dieser provokanten Frage hat sich am Mittwoch der oberste Gerichtshof der USA beschäftigt. Der Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen kann sich offenbar Hoffnungen machen, dass der Schuldspruch, die Justiz im Enron-Debakel behindert zu haben, korrigiert wird.

tor NEW YORK. In einer Anhörung griffen die Richter den Fall des Wirtschaftsprüfers Arthur Andersen wieder auf, der vor drei Jahren wegen Behinderung der Justiz im Zuge der Enron-Pleite von der Bilanzprüfung für Unternehmen ausgeschlossen und damit faktisch „zum Tode“ verurteilt wurde.

Mehrere Richter meldeten gestern Zweifel an dem Urteil an. Arthur Andersen kann sich damit offenbar berechtigte Hoffnungen machen, dass der Schuldspruch korrigiert wird. Die Gesellschaft mit einst 85 000 Mitarbeitern brach kurz nach dem Ausschluss zusammen und ist mit rund 200 Beschäftigten heute nur noch ein Schatten früherer Tage.

Das juristische Nachspiel dreht sich um die Frage, ob Staatsanwalt und Richter damals die Geschworenen zu Recht auf die Mitverantwortung von Arthur Andersen hingewiesen haben. „Das scheint mir eine sehr weitreichende Position zu sein, die jedes Unternehmen betreffen könnte“, monierte Richter Anthony Kennedy.

Beobachter erwarten von der für Juni avisierten Entscheidung des Gerichts Hinweise, wie weit der Gesetzgeber Unternehmen für das Fehlverhalten ihrer Beschäftigten verantwortlich machen kann. „Wenn das Justizministerium diesen Fall verliert, ist es künftig bei ähnlichen Wirtschaftsdelikten geschwächt“, sagte William Mateja, Anwalt bei der Kanzlei Fish & Richardson, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Wie relevant diese Frage ist, zeigte sich jüngst beim Bilanzskandal des Versicherers AIG. Auch hier drohte der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, gleich den Konzern auf die Anklagebank zu setzen.

Arthur Andersen geriet 2001 in den Strudel der Pleite des Energiehändlers Enron. Verurteilt wurde die Gesellschaft nicht wegen Aktenvernichtung, sondern weil die damalige Justiziarin Nancy Temple die Mitarbeiter daran erinnert hatte, dass Akten nur so lange aufbewahrt werden sollen, wie es nützlich erscheine. Die Justiz sah darin eine verdeckte Aufforderung, Beweise zu vernichten. Anderson-Anwälte halten dieses Vorgehen für widersprüchlich – Aufbewahrungsrichtlinie und Vernichtung der Akten seien rechtens gewesen, nicht aber die Aufforderung an die Mitarbeiter, diese Richtlinien einzuhalten.

Kritiker des Andersen-Urteils fürchten, dass dieser Präzedenzfall die Vernichtung von Akten für Unternehmen zu einem unkalkulierbaren Risiko mache. Das Justizministerium hält dagegen, das es nicht angehen könne, wenn Unternehmen kurz vor Beginn eines Ermittlungsverfahrens bergeweise Akten in den Schredder steckten. Das im Jahr 2002 verabschiedete Sarbanes-Oxley-Gesetz hat die Aufbewahrungsrichtlinien für alle Firmen verschärft.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%