Transparente Lieferketten

Kein Durchblick im Waren-Dschungel

20.000 Produkte stehen bei großen Supermärkten in den Regalen. Doch für Kunden ist es oft schwer zu erkennen, woher die Ware kommt. Die jüngsten Lebensmittelskandale zeigen: Hersteller und Handel haben Nachholbedarf.
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Das Fett ist wichtiger Bestandteil vieler Nahrungsmittel – und wird oft unter schlechten Umweltbedingungen angebaut. Quelle: dpa
Palmöl

Das Fett ist wichtiger Bestandteil vieler Nahrungsmittel – und wird oft unter schlechten Umweltbedingungen angebaut.

(Foto: dpa)

Düsseldorf„Das Palmöl kommt aus Rotterdam und der Kaffee aus Hamburg.“ So viel wussten die Einzelhandelsunternehmen noch vor 10 Jahren über die Herkunft der Produkte in ihren Regalen. Das sagt zumindest Martina Fleckenstein von der Naturschutzorganisation WWF. Seither habe sich viel getan, lobt Fleckenstein. Die WWF-Aktivistin arbeitet daran, mehr Informationen über die Herkunft von Lebensmitteln zu sammeln und Supermarkt-Kunden verfügbar zu machen.

Dass noch viel zu tun bleibt, zeigt sich an den jüngsten Lebensmittelskandalen: So wurde am Dienstag bekannt, dass nicht nur Millionen Eier mit dem Insektengift Fipronil verseucht wurden. Laut „Süddeutscher Zeitung“ stehen auch über 100 Eier- und Tiefkühlprodukte im Verdacht, Spuren des in Lebensmitteln verbotenen Giftes zu enthalten.

Das sind die größten Lebensmittelhersteller der Welt
Platz 10: Smithfield
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Der Konzern ist der weltgrößte Schweinefleischproduzent und -lieferant mit Firmensitz in Virginia. 2013 hat die chinesische Staatsfirma Shuanghui das Unternehmen übernommen.

Quelle: Konzernatlas 2017

Platz 9: General Mills
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Auf dem neunten Platz der umsatzstärksten Unternehmen liegt der US-Lebensmittelkonzern mit Sitz in Golden Valley, Minnesota. In Deutschland bekannt ist unter anderem die Eiskremesorte Häagen-Dazs.

Platz 8: Danone
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Das französische Unternehmen ist der Rivale des schweizerischen Lebensmittelgiganten Nestlé. Der Lebensmittelproduzent ist in Deutschland durch das Joghurtgetränk Actimel oder durch seine bunten Verpackungen von den Fruchtzwergen bekannt. Der Konzern hat am Ende des Jahres 2016 die EU-Genehmigung für die Übernahme des US-Bio-Rivalen Whitewave erhalten.

Platz 7: Unilever
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Der niederländische Lebensmittel- und Kosmetikriese ist in Großbritannien durch den Brotaufstrich Marmite bekannt. In Deutschland finden sich von dem Unternehmen bekannte Marken wie Becel, Bertolli, Langnese, Lipton oder Knorr. 2016 kaufte der Konzern die US-Ökofirma Seventh Generation auf, um der Nachfrage nach ethischen Produkten in der Haushaltssparte nachzukommen.

Platz 6: Kraft Heinz
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Auf Platz sechs findet sich das US-amerikanische Unternehmen Kraft Heinz mit Sitz in Pittsburgh, das bei uns besonders durch den Tomaten-Ketchup bekannt ist. Der Konzern ist 2015 aus der Fusion von Kraft Foods und Heinz Company hervorgegangen.

Platz 5: Mondelez
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Der Lebensmittelriese mit Sitz in Deerfield, Illinois, ist Hersteller der in zahlreichen Ländern vertriebenen Schokolade mit in goldgelb verpackten Bergen. 2016 gab es in Großbritannien einen Aufschrei wegen der zackigen Süßigkeit. Der Konzern stellt unter anderem auch so bekannte Marken wie Milka und Oreo her.

Platz 4: Mars
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Das familiengeführte Unternehmen mit Sitz in Virginia nimmt den vierten Platz in der Weltrangliste der Lebensmittelhersteller ein. Es stellt die bekannten Marken Balisto, Bounty, M&M’s, Milky Way oder den gleichnamigen Schokoriegel Mars her. Der Konzern stellt neben Süßigkeiten auch Tiernahrung her.

Zudem wiesen Wissenschaftler den Unkrautvernichter Glyphosat in Speiseeis nach. Auch die beliebte Unilever-Marke „Ben & Jerry’s“ sei  betroffen, sagte Forscher Gilles-Eric Séralini am Dienstag in Brüssel.

Das wachsende Informationsbedürfnis seitens Öffentlichkeit, Nichtregierungsorganisationen wie dem WWF, Analysten und Investoren ist für Hersteller und Händler eine Herausforderung. So führt ein großer Supermarkt häufig über 20.000 Artikel. Was mit den Leckereien leider oft nicht mit einzieht, sind Informationen über Herkunft und vor allem Weiterverarbeitung. Unter welchen Arbeitsbedingungen und Hygienestandards die Beteiligten ihren Müsliriegel herstellten, ob dafür der Wald gerodet oder Menschen ausgebeutet wurden, fragt sich der Verbraucher vergeblich.

Dabei wäre es ein Leichtes, große Datenmengen zu sammeln, sagt WWF-Aktivistin Fleckenstein: „Wir leben in der Digitalisierung. Es war noch nie einfacher, Lieferketten nachzuvollziehen“.  Es sei sogar möglich, das Palmöl, das in einem verarbeiteten Produkt auf der Zutatenliste steht, bis auf den Baum genau zurückzuverfolgen.

Doch der Grund, warum Lebensmittelkonzerne ihre Kunden noch nicht flächendeckend über die Herkunft ihrer Waren informieren, sei einfach, sagt Konstantin Bark vom Konsumgüterhersteller Unilever. „Das ist noch kein ausschlaggebendes Kaufkriterium geworden“. Ignorieren könnten weder Konzerne wie Unilever noch Händler das Thema transparente Lieferketten jedoch nicht. Bei jedem Lebensmittelskandal riskierten sie, Kunden zu verlieren.

Welche Orientierungshilfen es für Verbraucher gibt

In diesen Produkten steckt das meiste Palmöl
Palmölfrucht
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Eine aufgeschnittene Palmölfrucht: Palmöl ist das ergiebigste Pflanzenöl der Welt. In Deutschland werden fast 1,8 Millionen Tonnen in einem Jahr verbraucht. Doch worin ist das Öl enthalten? Der Rohstoffverbrauch im Überblick.

Platz 7: Eiscreme
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Günstige Pflanzenöle haben in der industriellen Produktion von Speiseeis stark an Bedeutung gewonnen. Die Hersteller können damit Sahne, eine vergleichsweise teure Zutat, einsparen. Zum Einsatz kommt vor allem Kokosnussöl, aber auch Palmöl hat einen erheblichen Anteil – rund zehn Prozent am Gesamtprodukt. Insgesamt nehmen die Deutschen auf diesem Weg jedes Jahr rund 63.000 Tonnen Palmöl zu sich.

Platz 6: Schokolade und Kakaoaufstriche
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Palmöl macht rund fünf Prozent von Schokolade aus – und die Deutschen konsumieren davon besonders viel. Sie essen im Schnitt doppelt so viel wie die Menschen im Rest der EU. Hinzu kommen rund 1,5 Kilo an kakaohaltigen Brotaufstrichen, die zu rund 20 Prozent aus Palmöl bestehen. Unterm Strich stecken laut WWF knapp 65.000 Tonnen von dem Rohstoff in dieser Produktkategorie.

Platz 5: Wasch-, Reinigungs- und Körperpflegemittel
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Zur Herstellung von Wasch- und Reinigungsmitteln setzt die Industrie sogenannte Tenside ein. Dabei handelt es sich um chemische Substanzen, die die Schmutzablösung im Wasser erleichtern. Diese Tenside bestehen zu einem überwiegenden Anteil aus Palmöl. Für die hierzulande in einem Jahr verwendeten Seifen werden so nach WWF-Schätzung 66.000 Tonnen des Rohstoffs verwendet. Bei Reinigungsmitteln für den Haushalt fallen zusätzlich mehr als 68.0000 Tonnen Palmöl an. Das Öl steckt auch in Kosmetika – ebenfalls in Form von Tensiden, aber auch als Bestandteil von Weichmachern und Befeuchtungsmitteln. Rund 22.000 Tonnen Palmöl werden dafür verarbeitet.

Platz 4: Kerzen
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Konventionelle Kerzen bestehen zu mehr als 40 Prozent aus Palmöl. Laut WWF sind sie damit für 94.000 Tonnen und damit rund fünf Prozent des gesamten Palmölverbrauchs in Deutschland verantwortlich.

Platz 3: Futtermittel
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Fast acht Prozent des in Deutschland verbrauchten Palmöls wird von Tieren konsumiert. Mehr als 143.000 Tonnen des Öls sind in Futtermitteln beigemischt. Das Pflanzenöl wird als Fettbestandteil vor allem bei der Fütterung von Geflügel und Schweinen eingesetzt.

Platz 2: Margarine
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Große Mengen Palmöl schmieren sich die Deutschen aufs Brot: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Margarine liegt bei fünf Kilo pro Jahr. Je nach Marke bestehen die Produkte zu 20 bis 80 Prozent aus Palmöl. Insgesamt stecken laut einer Ende August vorgestellten WWF-Studie 185.840 Tonnen Palmöl in der hierzulande verbrauchten Margarine.

Das Problem: Wenn die Kunden nicht bereit sind, für kontrollierte Lebensmittel mehr zu bezahlen, haben Hersteller und Händler keinen Anreiz, in transparente Lieferketten zu investieren: „Hier ist die Politik gefordert“, betont Martina Fleckenstein. So haben die Vereinten Nationen transparente Lieferketten in ihre Agenda 2030 aufgenommen, auch die 20 größten Industriestaaten, die G20, sehen Handlungsbedarf.

Fleckenstein gehen diese Absichtserklärungen nicht weit genug: Sie fordert strengere Kontrollen für alle Lebensmittel, nicht nur für zertifizierte Bio-Produkte. Dabei sollten die Händler nicht zusätzlich belastet werden. Es seien die Verbraucher, die durch ihre Kaufentscheidungen bestimmen, welche Lebensmittel in den Regalen bleiben. „Wir müssen die Gesellschaft sensibilisieren und so die Nachfrage erhöhen“, sagt Unilever-Sprecher Bark.  

Orientierungshilfe für Verbraucher geben die 230 existierenden Standards und Zertifizierungen, etwa das MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei: „Allerdings mit Einschränkungen“, sagt Fleckenstein. „Kunden wollen nicht bei jedem Produkt einzeln entscheiden müssen, ob es ethisch vertretbar ist.“

Bei vielen Nachhaltigkeitszertifikaten sei es zudem schwer zu beurteilen, ob sie überhaupt etwas bringen, bemängelt sie. Auch würden Kleinbauern, die immerhin rund 80 Prozent der Lebensmittel herstellen, zu selten miteinbezogen. Wissenschaftliche Belege über den ökonomischen Sinn von Nachhaltigkeit gebe es schlichtweg nicht.

Guido Wolf, Geschäftsführer des Nussverarbeiters Ueltje, sieht das anders: „Nachhaltigkeit kann sich rechnen“, meint er und betont, dass sich gerade Investitionen in diese Richtung erst Jahre später bemerkbar machen. „Nachhaltigkeit ist gut fürs Image und für die Bewertung eines Unternehmens“, bestätigt Dirk Heim, der bei Rewe die Eigenmarken verantwortet.

Und obwohl es auch hier keine Belege dafür gebe, dass sich der positive Effekt von Nachhaltigkeitsprogrammen auch in den Zahlen widerspiegelt, „würden wir es langfristig merken, wenn wir nichts in die Richtung tun würden“, ist sich Heim sicher.

Für Ueltje geht es jedoch nicht nur um ein besseres Image – der Konzern will durch transparente Lieferketten auch schlicht seinen Nuss-Nachschub sichern: Das Unternehmen schult seine Produzenten – meist Kleinbauern –  in der Pflege der Bäume. Diese wüssten oft nicht, dass einfache Beschneidungen der Bäume zu mehr Ertrag führe. Schulungen in dieser Thematik können den Ertrag verdoppeln. Ueltje-Chef Wolf sagt: „Damit ist schließlich jedem geholfen.“

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