Transporte sind langsam, teuer und kaum zu managen
Logistiker verzweifeln an Indiens Infrastruktur

Über Indiens größtes Problem stolpert jeder Besucher gleich bei der Ankunft; die schäbigen, hoffnungslos überlasteten Terminals seiner Flughäfen unterstreichen, was selbst der Finanzminister des Landes die größte wirtschaftspolitische Herausforderung nennt: marode Infrastruktur.

HB NEU DELHI. „Das größte Risiko für die Fortsetzung des Wirtschaftsbooms in Indien entsteht durch Verzögerungen bei wichtigen Infrastrukturprojekten wie dem Bau von Autobahnen, Häfen und Flughäfen“, warnt dann auch Sanjeev Sanyal von der Deutschen Bank. Gerade Logistikkonzerne, die auf funktionierende und vor allem schnelle Verkehrsanbindungen angewiesen sind – etwa die Post-Tochter DHL – sind davon betroffen. Bald könnten Infrastruktur-Flaschenhälse das Wachstum dämpfen, sagt Sanyal.

Dank einer Steigerung der Industrieproduktion um 11,3 Prozent expandierte Indiens Wirtschaft im zweiten Quartal 2005 um 8,1 Prozent, und für das Gesamtjahr rechnen Analysten mit über sieben Prozent. Das treibt die Nachfrage nach Logistikdienstleistungen. Gleichzeitig kommt es wegen fehlender Transportkapazitäten zu Engpässen, welche die ganze Wirtschaft belasten. So konnten in diesem Sommer einige Kraftwerke wegen überlasteter Eisenbahnstrecken nicht ausreichend mit Kohle versorgt werden.

Ohne Kapazitätserweiterung könnte es bald auch schwer werden, die Zuwachsraten in der Luftfracht zu bewältigen. Die Liberalisierung der Flugbranche vor zwei Jahren hat Indiens Luftverkehr zu Wachstumsraten von 25 Prozent verholfen. Analysten erwarten, dass dieses Tempo anhält. Indische Airlines haben allein dieses Jahr für 24 Mrd. Dollar 213 neue Flugzeuge geordert. „Aber ich habe keine Ahnung, wo diese Jets alle landen sollen“, sagt der Indien-Chef einer europäischen Fluglinie. Schon jetzt fehlt es auf den beiden größten Flughäfen des Landes in Delhi und Bombay an allem, von Landeslots für Flugzeuge bis zu Abfertigungsschaltern für Passagiere. Delhis Inlands-Terminal hat eine Kapazität von 600 Passagieren pro Stunde, fertigt 1 800 ab und versinkt täglich im Chaos.

Seit sieben Jahren grübelt die Regierung über die Privatisierung der Flughäfen in Delhi und Bombay, ohne sich zu entscheiden. Vor einem Monat zogen sich der deutsche Baukonzern Hochtief und Singapurs Changri Airport aus dem Bieterprozess zurück, weil sie die Bedingungen nicht mehr attraktiv fanden. Fraport, der Flughafen München und vier weitere Konsortien bleiben im Rennen.

Indiens schlagloch-übersätes Straßennetz ist keine Alternative zum verstopften Luftraum oder dem riesigen, aber vorsintflutlichen Bahnnetz. Das macht landesweite Logistik langsam, teuer, schwer zu managen und erschwert Exporte. Baba Kalyani, Chef des Autozulieferers Bharat Forge, beziffert den „Infrastruktur-Aufschlag“, den er wegen der schlechten Straßen und der verstopfen Häfen des Landes bezahlt, auf 20 Prozent. Bis ein LKW aus seiner Fabrik in Pune seine Fracht in Bombays 150 Kilometer entferntem Hafen abgeladen hat und wieder zurück ist, braucht er drei Tage. Weil die Fracht oft noch Wochen auf dem Dock festliegt, leistet sich Kalyani teure Lager in Dubai, von wo aus er bei Engpässen liefern kann.

Die Regierung verspricht Besserung und will 50 Mrd. Euro für den Ausbau der Infrastruktur in ländlichen Gebieten und Großstädten bereitstellen. Aber selbst das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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