Tube-Streik in London
„Heute gibt es Sardinen zum Frühstück“

Die Londoner U-Bahn soll bald rund um die Uhr fahren. Die Gewerkschaft protestiert dagegen mit einem 24-stündigen Streik. Die Arbeitsniederlegung sorgt nun dafür, dass heute der Straßenverkehr zusammenbricht.
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LondonBrian Duffy hatte sich seine Fahrt in die Londoner Innenstadt irgendwie anders vorgestellt. Der Brite hatte wegen des angekündigten Streiks der Londoner U-Bahn-Fahrer extra früh das Haus verlassen, um rechtzeitig den Bus Nummer acht zur Tottenham Court Road zu nehmen. Doch es gibt kein Durchkommen. Der zweite Bus rauscht bereits an der Bushaltestelle vorbei, weil die roten Doppeldecker einfach keinen Platz mehr bieten. Dicht gedrängt stehen die Pendler in den Bussen. Auch an der Haltestelle hat sich eine dichte Traube von Menschen gebildet. Duffy versucht, seinen britischen Gleichmut zu bewahren – aber es fällt ihm schwer. „Das Chaos hat begonnen“, seufzt er und übt sich in einer anderen britischen Eigenheit – dem Witz. „Heute gibt es Sardinen zum Frühstück“, frotzelt der Mann mit dem lichten Haarkranz angesichts der Menschenmassen.

So wie Duffy ergeht es an diesen Tagen Hunderttausenden Londonern. Ein Arbeitskampf der U-Bahn-Mitarbeiter hat die Metropole in ein Verkehrschaos gestürzt. Viele Pendler versuchen am Donnerstagmorgen, auf Busse, Fahrräder und Themse-Boote auszuweichen. Doch es hilft kaum etwas. Überall reihen sich die Pendler in lange Warteschlangen ein. Bis 24 Uhr soll der Ausstand andauern. Bis dahin herrscht Ausnahmezustand.

Kein Zug wird kommen. Aus Protest gegen einen ab September geplanten Rund-um-die-Uhr-Dienst bei der Londoner U-Bahn sind die Fahrer in der Nacht auf Donnerstag in einen 24-Stunden-Streik getreten. Schon am Mittwochabend kam es zu ersten Verspätungen, doch das war nur ein Vorspiel auf den großen Ausstand vom Donnerstag. Den ganzen Tag über wollen die Gewerkschaften den Bahnbetrieb lahmlegen. Die Londoner Verkehrsbetriebe teilten mit, die Auswirkungen des Streiks könnten sich bis in den Freitag hinein auswirken. 200 Ersatzbusse und zusätzliche Leihfahrräder wurden zur Verfügung gestellt – doch auch sie können den Verkehrsinfarkt nicht verhindern.

An normalen Tagen transportiert die „Tube“, wie die U-Bahn mit ihren elf Linien in London genannt wird, etwa 3,3 Millionen Fahrgäste. Die Londoner Verkehrsgesellschaft Transport for London (TfL) verteilte an den Eingängen zu den U-Bahnen Fußgängerkarten, die die Zeiträume beschreibt, die die Entfernungen zu Fuß dauern. Außerdem empfahl das Transportunternehmen den Londonern mit Fahrrad, lieber dieses zu benutzen. Für Fans des Tennis-Turniers in Wimbledon, das am Wochenende zu Ende geht, organisierte das Transportunternehmen Sammeltaxis.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der auch für TfL verantwortlich ist, schrieb auf Twitter, der Streik sei „politisch motiviert“. Die „Gewerkschaftsbosse“ müssten den Streik sofort abbrechen. Doch die Fronten sind verhärtet. Anlass für den Streik ist die Entscheidung, dass die Londoner U-Bahnen künftig auf mehreren Strecken auch nachts fahren sollen. Bisher stellte die Tube ihren Dienst kurz nach Mitternacht ein – auch an den Wochenenden. Dem Personal wurden für den anstehenden Nachtdienst Gehaltserhöhungen von durchschnittlich zwei Prozent in diesem Jahr in Aussicht gestellt, zudem ein Inflationsausgleich in den kommenden zwei Jahren und eine einmalige Bonuszahlung von 2000 Pfund für jeden Nachtfahrer. Doch den Gewerkschaften reicht dies nicht.

Finn Brennan von der Lokführergewerkschaft Aslef warf den TfL-Managern ein „törichtes Spiel am Rande des Abgrundes“ vor. Es ist ein Muskelspiel, das seine Wirkung nicht verfehlt. Die britischen Transport-Gewerkschaften wissen um die Bedeutung der Londoner U-Bahn und setzen häufiger auf die Macht des Ausstands. Bereits im letzten Jahr hatten die Gewerkschaften mehrfach tagelang die U-Bahn bestreikt, um höhere Löhne durchzusetzen. Selbst eine Berufsgruppe, die dem Streik eine positive Seite abgewinnen sollte, zeigte sich am Donnerstag allerdings langsam genervt: die Taxifahrer. „Für uns ist das heute kein großartiges Geschäft“, ruft ein Fahrer einer der schwarzen Cabs an der U-Bahn-Station Vauxhall durch das Fenster, „der Verkehr ist einfach zu dicht – da gehen viele lieber gleich zu Fuß.“

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