Tui-Chef Frenzel will Hapag-Lloyd verkaufen
„Mein Feld ist die Welt...“

„Mein Feld ist die Welt“ sagte schon Hapag-Gründer Albert Ballin. Nun schickt sich Tui-Chef Michael Frenzel an, Hapag-Lloyd zu verkaufen. Einigen Hamburger Kaufleuten schmeckt das nicht, und sie bieten mit. Die Milliarden, sagen sie, haben sie bereits zusammen. Und die Geschichte steht ohnehin auf ihrer Seite.

HAMBURG. Der Arbeitsplatz in luftiger Höhe ist klimatisiert, und man erreicht ihn per Aufzug. Doch wer sich im ergonomisch geformten Sitz des Cockpits niederlässt, sollte schwindelfrei sein. Der Blick nach draußen führt nicht nur durch große Fenster, sondern fällt auch durch den gläsernen Fußboden direkt 35 Meter nach unten in die Tiefe.

Für Brückenfahrer wie Kay Kilian ist das kein Problem. Er braucht die Sicht nach unten auf die Asphaltpiste des Container-Terminals Altenwerder (CTA) im Hamburger Hafen, auf die Kaikante, das Wasser und die Schiffsbäuche, die mit Containern hochhaushoch vollgepackt sind.

Kilian bewegt die Containerbrücke über die großen Pötte, der an Seilen hängende spezialisierte Greifer – der „Spreader“ – verharrt kurz über dem Ladegut: Dann eine kurze Bewegung Kilians am Joystick, der Greifer packt den Container an vier Ecken und hebt ihn von Bord an Land.

„Als Erstes musst du lernen, dass der Spreader nicht in Schwingungen gerät“, sagt Kilian, „wenn er pendelt, eckt der schnell mal irgendwo an.“ Und sonst? „Du brauchst Augenmaß und Fingerspitzengefühl – und ein Händchen, alles richtig zu dirigieren.“ Klar, es gibt die Automatik und die Kameras für die Rundumsicht. Doch die Verantwortung hat der Brückenfahrer. „Hier oben“, sagt Kilian, „bin ich praktisch der Kapitän.“

Kapitäne fürchten den Sturm, und der braut sich bereits zusammen. Entfacht hat ihn Michael Frenzel: Getrieben von Großaktionär John Fredriksen will der Tui-Chef die Konzerntochter Hapag-Lloyd verkaufen. Gestern verschickte Frenzel den in aller Eile erstellten Verkaufsprospekt. Mehreren Interessenten in Asien bietet Frenzel Hapag-Lloyd in diesen Tagen höchstpersönlich an. Vier bis fünf Milliarden Euro soll die Traditionsreederei der Tui einbringen.

Aber gehört nicht Hapag-Lloyd zu Hamburg wie Alster, Jungfernstieg, St. Pauli und Hafen? Der Plan der Tui treibt Hamburgs Hafenleute deshalb um wie die Furcht vor der Herbst-Sturmflut. Vom Brückenfahrer über den Reeder und den Bankier bis zum Senator sind sich alle einig: Hapag-Lloyd, die fünftgrößte Containerschiff-Reederei der Welt, muss Hamburg erhalten bleiben. – Nur wie?

Auf dem Spiel steht für die Stadt einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren: das Containergeschäft. Die Anlage am Köhlbrand, einem Seitenarm der Elbe, wo Kay Kilian arbeitet, ist mit 14 Containerbrücken nebeneinander eine der zentralen Schaltstationen. Im Juni 2002 eröffnet, gilt der CTA heute noch als modernster Container-Umschlagplatz der Welt.

Vom „Yard“, dem Stapelplatz der Blechkisten, führt die Reise der Container weiter per LKW und Zug. Bis zu 2 500 Laster fahren täglich vor, vom sechsgleisigen Bahnhof starten bis zu 700 Meter lange Containerzüge. Rund um die Uhr, Tag für Tag. Gut 2,4 Millionen Container werden hier im Jahr bewegt. Der Ausbau der Kapazitäten auf drei Millionen ist beschlossene Sache.

Der Hafen brummt – und er treibt die Wirtschaft der Hansestadt an. Wirtschaftssenator Axel Gedaschko freut es: „Über 12 000 Schiffe haben im letzten Jahr den Hafen Hamburg angelaufen, zehn Millionen Container wurden im Herzen der Stadt umgeschlagen. Nicht zuletzt: 150 000 Menschen in der Metropolregion verdanken dem Hafen ihren Arbeitsplatz.“

Doch nun sieht der Alptraum des Senators in etwa so aus: Einer der großen Wettbewerber aus dem Ausland übernimmt Hapag-Lloyd´, löst die Zentrale an der Binnenalster auf und überlässt den Traditionsnamen der Geschichte.

Wie so etwas geschehen kann, das hat Hapag-Lloyd 2005 selbst vorgemacht: Die britisch-kanadische Reederei CP Ships wurde für 1,7 Milliarden Euro gekauft und vollständig integriert – und ist heute Vergangenheit.

Noch wichtiger als Tradition sind für die Hapag-Lloyd-Fans die Zahlen. Das Containergeschäft boomt: Rund 140 Millionen Tonnen Güter wurden 2007 an der Elbe umgeschlagen, sechs Millionen mehr als im Jahr zuvor, berichtet die Hafen Hamburg Marketing. Die Hamburger Hafen und Logistik AG, die für die Stadt drei der vier Hamburger Container-Terminals – darunter auch den CTA – betreibt, wuchs zuletzt zweistellig bei Umsatz und Ergebnis.

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