TV-Kritik „Die Story“ in der ARD
Wenn Fliegen zu Hirnschäden führt

  • 5

„Es muss wohl erst einen Grabstein geben“

Der Bundesverband Deutscher Luftverkehrswirtschaft (BDL) erkennt keinen Zusammenhang zwischen Flugreise und Erkrankung. Ein Direktor der Europäischen Luftfahrtbehörde beschwichtigt: Beim Fliegen gebe es für Passagiere und Bordpersonal keine Gefahr. Mit umfangreichen Recherchen versucht der ARD-Film genau diesen Zusammenhang aufzuzeigen.

Mediziner und Experten sind sich im ARD-Beitrag einig: Schuld ist TCP, das über die Triebwerke an Board gelangt und krank macht. Doch offenbar ist der Nachweis ein großes Problem. Bisher konnte das aerotoxische Syndrom beispielsweise nicht als Berufskrankheit eingestuft werden. Schuld an der Erkrankung, heißt es, könnte auch ein anderer Einflussfaktor sein.

Das Thema ist keineswegs neu. Schon 2009 berichtete das ARD-Magazin „Plusminus“ von „fume events“ und Erkrankungen nach Flügen. Fast immer klagen Passagiere über einen seltsamen Gestank in der Luft. Die Fluggesellschaften bestreiten grundsätzlich nicht, dass kleine Mengen der Dämpfe in die Atemluft gelangen können, sie sollen aber nicht gesundheitsschädigend sein.

Laut internen Dokumenten, aus denen die Autoren der Doku zitieren, soll es bei der Lufthansa in den vergangenen zwei Jahren zu mehr als 120 Luftbelastungen gekommen sein. Nur knapp 30 Fälle seien der zuständigen Behörde gemeldet worden. Aus einer internen Mail des Flugzeugherstellers Boeing wird ebenfalls zitiert. Ein Mitarbeiter schreibt: „Es muss wohl erst einen Grabstein geben, bevor sich jemand hierfür mit Nachdruck interessiert.“

Die Unterstellung der Filmemacher an die Unternehmen: Sie tolerieren den Schaden. Stellungnahmen der betroffenen Firmen gibt es im Film keine. Flugzeugbauer wie Boeing und Airbus, Airlines wie Lufthansa und Condor oder der Triebwerkshersteller Rolls Royce – keiner möchte sich offenbar zu den Vorwürfen äußern.

Ebenso lange wie das Problem bekannt ist, gibt es auch einen Hinweis auf die Ursachen. Schuld für die Kontamination der Kabinenluft ist die Zapflufttechnik, die in fast allen gängigen Flugzeugtypen zum Einsatz kommt. Die Luft wird dabei über die Turbine angesogen. Als ungefährlich dagegen gilt die Staulufttechnik – die Luftversorgung erfolgt dabei über Ansaugöffnungen unter dem Cockpit. Wieso das Verfahren nicht zum Einsatz kommt? Es soll teurer und aufwändiger sein, heißt es.

Kommentare zu " TV-Kritik „Die Story“ in der ARD: Wenn Fliegen zu Hirnschäden führt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Irgendein Schlaumeier hielt es für eine gute Idee die ursprünglich separate Frischluftzufuhr für die Kabine mit der für die Antriebe zusammen zu legen und so beim Flugzeugbau irrsinnige Materialkosten zu sparen, ob das Menschen gefährdet spielt in der BWL offensichtlich nur eine untergeordnete bis gar keine Rolle.

  • Im übrigen gilt ja hier derjenige,
    der auf den Schmutz hinweist,
    für viel gefährlicher als der,
    der den Schmutz macht.

    Kurt Tucholsky

  • Wenn Flüge billig wie Bus Tickets sind und aus Vergnügen die Umwelt vergiftet wird, sollen diese Menschen sich auch der Vergiftung hingeben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%