TV-Kritik „Die Story“ in der ARD
Wenn Fliegen zu Hirnschäden führt

Eine ARD-Doku zeigt, wie Nervengift regelmäßig in Flugzeuge gerät und Passagiere körperliche Schäden erleiden. Interne Papiere von Lufthansa und Boeing belegen offenbar: Die Gefahr könnte weitaus größer sein als gedacht.
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DüsseldorfEs ist ein schreckliches Szenario: Die Luft im Innern des Flugzeugs ist vernebelt, einzelne Passagiere klagen über Atemnot. Es stinkt. Im Cockpit setzen sich die Piloten Sauerstoffmasken auf, sie fühlen sich matt, körperlich erschöpft. Motorenöl aus den Flugzeugturbinen ist in die Luft an Bord geraten und damit auch ein gefährliches Nervengift.

Was klingt wie der Anfang eines Hollywood-Thrillers, soll sich vor vier Jahren auf einem Inlandsflug in den USA zugetragen haben. Experten sprechen von einem „fume event“, gefährliche Abgase und Dämpfe gelangen über die Turbinen in die Kabinenluft. Eine ARD-Dokumentation hat nun versucht, mit langen Recherchen zu zeigen, dass „fume events“ in der Luftfahrt keine Ausnahme sind. Selten kommt es zur beschriebenen starken Rauchbildung und einem Abbruch des Fluges. Aber offenbar werden Passagiere regelmäßig einem Chemie-Cocktail mit dem Nervengift Trikresylphosphat, kurz TCP, ausgesetzt – in deutlich geringeren Mengen und damit nur schwer nachweisbar.

Der ARD-Film „Die Story – Nervengift im Flugzeug“ zeigt Betroffene, die anschließend unter massiven körperlichen Schäden leiden und Experten, die zum Teil seit Jahrzehnten auf die Gefahren hinweisen. Politik und Luftfahrt reagieren bisher nicht, obwohl laut ARD-Recherchen es allein bei der Lufthansa in den vergangenen zwei Jahren zu mehr als 120 Fällen von Luftverunreinigung an Bord gekommen sein soll.

Am Anfang des Films steht die Geschichte des britischen Piloten Richard Westgate. Ein kerngesunder Mann, berichtet sein Freund und Anwalt. Regelmäßig macht Westgate Extremsport. Doch dann klagt er über kognitive Ausfälle und Gleichgewichtsstörungen. Lange recherchiert er, beschäftigt sich mit dem Thema. Die Symptome sind Hinweise auf das aerotoxische Syndrom, einer Krankheit, die entsteht, wenn man regelmäßig kontaminierter Kabinenluft ausgesetzt ist. Während sich Westgate für die Behandlung in den Niederlanden befindet, verstirbt er in seinem Hotelzimmer.

Der Film präsentiert einige solcher Schicksale. Da ist zum Beispiel der deutsche Pilot Horst Raab. Bei ihm zeigen sich ebenfalls Krankheits-Symptome. Raab fliegt nicht mehr, er hat seinen Beruf aufgegeben. Der Zuschauer beobachtet ihn beim Kochen: Seine Bewegungen sind langsam, beim Schälen von Kartoffeln zittern ihm die Hände. Der ehemalige Pilot sagt, dass er nicht mehr gesund wird. Ärzte könnten ihm nicht helfen.

Ein Ehepaar aus Süddeutschland hat nach einer Flugreise heftige Beschwerden: Die Haare fallen aus, beide sind ständig erschöpft. Zuerst denken sie, es handele sich um einen Virus, später erst weist sie ein Tropenarzt auf das aerotoxische Syndrom hin. Der Sprecher aus dem Off fragt: „Wie kommt es, dass kerngesunde Passagiere anschließend krank sind?“

„Es muss wohl erst einen Grabstein geben“

Der Bundesverband Deutscher Luftverkehrswirtschaft (BDL) erkennt keinen Zusammenhang zwischen Flugreise und Erkrankung. Ein Direktor der Europäischen Luftfahrtbehörde beschwichtigt: Beim Fliegen gebe es für Passagiere und Bordpersonal keine Gefahr. Mit umfangreichen Recherchen versucht der ARD-Film genau diesen Zusammenhang aufzuzeigen.

Mediziner und Experten sind sich im ARD-Beitrag einig: Schuld ist TCP, das über die Triebwerke an Board gelangt und krank macht. Doch offenbar ist der Nachweis ein großes Problem. Bisher konnte das aerotoxische Syndrom beispielsweise nicht als Berufskrankheit eingestuft werden. Schuld an der Erkrankung, heißt es, könnte auch ein anderer Einflussfaktor sein.

Das Thema ist keineswegs neu. Schon 2009 berichtete das ARD-Magazin „Plusminus“ von „fume events“ und Erkrankungen nach Flügen. Fast immer klagen Passagiere über einen seltsamen Gestank in der Luft. Die Fluggesellschaften bestreiten grundsätzlich nicht, dass kleine Mengen der Dämpfe in die Atemluft gelangen können, sie sollen aber nicht gesundheitsschädigend sein.

Laut internen Dokumenten, aus denen die Autoren der Doku zitieren, soll es bei der Lufthansa in den vergangenen zwei Jahren zu mehr als 120 Luftbelastungen gekommen sein. Nur knapp 30 Fälle seien der zuständigen Behörde gemeldet worden. Aus einer internen Mail des Flugzeugherstellers Boeing wird ebenfalls zitiert. Ein Mitarbeiter schreibt: „Es muss wohl erst einen Grabstein geben, bevor sich jemand hierfür mit Nachdruck interessiert.“

Die Unterstellung der Filmemacher an die Unternehmen: Sie tolerieren den Schaden. Stellungnahmen der betroffenen Firmen gibt es im Film keine. Flugzeugbauer wie Boeing und Airbus, Airlines wie Lufthansa und Condor oder der Triebwerkshersteller Rolls Royce – keiner möchte sich offenbar zu den Vorwürfen äußern.

Ebenso lange wie das Problem bekannt ist, gibt es auch einen Hinweis auf die Ursachen. Schuld für die Kontamination der Kabinenluft ist die Zapflufttechnik, die in fast allen gängigen Flugzeugtypen zum Einsatz kommt. Die Luft wird dabei über die Turbine angesogen. Als ungefährlich dagegen gilt die Staulufttechnik – die Luftversorgung erfolgt dabei über Ansaugöffnungen unter dem Cockpit. Wieso das Verfahren nicht zum Einsatz kommt? Es soll teurer und aufwändiger sein, heißt es.

Gefahr für Vielflieger und Bordpersonal?

Für ihre Recherchen reisen die Macher der „Story“ um die Welt: von Köln nach Sydney, in die USA, nach Kanada und wieder zurück nach Deutschland. Ihr Transportmittel: natürlich das Flugzeug. Damit startet während der Recherche ein Selbstversuch: Wie häufig tritt das Gift in der Luft auf? Welche körperlichen Schäden entstehen dadurch? In den Maschinen nehmen die Journalisten Proben. Vor jedem Abflug und nach jeder Landung werden Blutproben genommen. Das Ergebnis ist erschütternd.

Langfristige Schäden entstehen trotzdem nicht. „Körper und Gehirn können das in gewissem Maß ausgleichen“, sagt der amerikanische Biochemiker Mohammed Abou-Donia. Doch: „Je öfter Sie fliegen, desto mehr Hinweise gibt es auf Hirnschäden“, ergänzt er. Wer als Stewardess, Pilot oder Vielflieger sehr regelmäßig in eine Maschine steigt, setzt sich also einer kontinuierlichen Gefahr aus.

Der WDR, der die Sendung produziert hat, erhielt vor Ausstrahlung des Films drei anwaltliche Schreiben, berichtete die Zeitung „taz“. Es war aber nicht die Luftfahrtbranche, die vor Gericht ziehen wollte. Es hat offenbar intern beim Sender geknarzt. Der Hauptautor und freie Journalist Tim van Beveren war unzufrieden mit der vorläufigen Endfassung des Films. „Nicht zugespitzt und ohne die investigativen Recherche-Elemente“ - so laut „taz“ van Beverens Urteil zum fast fertigen Film. Zwischen ihm und den zwei beteiligten Redakteuren des WDR soll es zum Streit gekommen sein.

Van Beveren wurde als Autor gestrichen und kontaktierte seinen Anwalt. Eine Flugbegleiterin zog ihre Interview-Genehmigung zurück, heißt es in der „taz“. Ebenso stimmten Wissenschaftler aus Glasgow gegen die Ausstrahlung der Interviews. Die beiden Redakteure sollen wiederum gegenüber der Lufthansa-Pressestelle über den Autor gestänkert haben. Der geschasste Autor erfuhr ausgerechnet von der Fluggesellschaft, dass er nicht mehr Autor der Dokumentation ist.

Fazit:
Es ist schade, dass diese gelungene Doku vor der Ausstrahlung von internen Streitigkeiten überschattet wurde. Den Machern gelingt es, das Problem der „fume events“ sehr genau darzustellen und Hintergründe aufzuzeigen. Die Ferienzeit steht vor der Tür: Es hätte sich angeboten, unter Reisenden etwas Panik zu verbreiten. Dieser Krawall-Logik widersteht die Doku.

Timo Steppat
Timo Steppat
Handelsblatt / Freier Journalist

Kommentare zu " TV-Kritik „Die Story“ in der ARD: Wenn Fliegen zu Hirnschäden führt"

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  • Irgendein Schlaumeier hielt es für eine gute Idee die ursprünglich separate Frischluftzufuhr für die Kabine mit der für die Antriebe zusammen zu legen und so beim Flugzeugbau irrsinnige Materialkosten zu sparen, ob das Menschen gefährdet spielt in der BWL offensichtlich nur eine untergeordnete bis gar keine Rolle.

  • Im übrigen gilt ja hier derjenige,
    der auf den Schmutz hinweist,
    für viel gefährlicher als der,
    der den Schmutz macht.

    Kurt Tucholsky

  • Wenn Flüge billig wie Bus Tickets sind und aus Vergnügen die Umwelt vergiftet wird, sollen diese Menschen sich auch der Vergiftung hingeben.

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