Umsatzplus an langen Samstagen weckt neue Begehrlichkeiten
Einzelhandel fordert längere Öffnungszeiten

Der Einzelhandel profitiert eindeutig davon, dass die Geschäfte seit Juni samstags nicht mehr um 16 Uhr schließen müssen, sondern bis 20 Uhr öffnen können. Das bestätigt eine dem Handelsblatt vorliegende Repräsentativumfrage des Marktforschungsinstituts Forsa und Deutschlands größter Mediaagentur HMS & Carat unter 1 012 Einzelhandelskunden. Laut der Studie werden keinesfalls nur Erlöse von den übrigen Werktagen auf den Samstag verlagert werden.

cs DÜSSELDORF. Danach sagte Mitte Juli jeder zehnte Kunde, er habe an den langen Samstagen „außer der Reihe“ eingekauft. „Berufstätige und Besserverdienende nutzen die längeren Öffnungszeiten überproportional“, fasst Carat-Marktforscherin Monika Baldauf das Ergebnis der Studie zusammen.

Nach dem Erfolg der verlängerten Ladenöffnungszeiten starten immer mehr Händler einen neuen Versuch, das deutsche Ladenschlussgesetz ganz oder zumindest weitgehend abzuschaffen. „Die Unternehmen sollten selbst entscheiden können, wann und wie lange sie ihre Geschäfte geöffnet haben“, fordert Metro-Chef Hans-Joachim Körber. Auch der Rewe-Vorstandsvorsitzende Hans Reischl ist dafür, dass die gesetzlichen Regelungen wenigstens an allen Werktagen aufgehoben werden.

Die Befürchtung, dass sich die Umsätze lediglich von den übrigen Werktagen auf den Samstag verlagern, widerlegt auch eine Firmenbefragung des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). „Wer seine Öffnungszeiten verlängert hat, konnte seinen Gesamtumsatz tatsächlich erhöhen“, resümiert HDE-Chefvolkswirt Robert Weitz das Ergebnis der Studie, die der Verband Ende September der Öffentlichkeit vorstellen will.

Liberalisierung geht vielen Händlern nicht weit genug

Auf einen Erfolg der verlängerten Samstags-Öffnungen deuten bereits die Zahlen hin, die große Handelshäuser unlängst für das zweite Quartal 2003 vorgelegt haben. Der Hagener Douglas-Konzern etwa verbuchte an den ersten verlängerten Samstagen im Juni bei Parfum, Süßwaren und Büchern ein Umsatzplus von 10 bis 15 %. Das börsennotierte Modekaufhaus Ludwig Beck spricht sogar von einem Anstieg der Erlöse um 30 %. Auch Metro und Karstadt-Quelle berichten von Zuwächsen an den langen Samstagen. Spürbare Umsatzrückgänge an den übrigen Wochentagen hingegen haben die Konzerne bislang nicht beobachtet.

Obwohl die starren Regelungen des 1956 beschlossenen Ladenschlussgesetzes bereits erheblich aufgeweicht worden sind, geht die bisherige Liberalisierung vielen Händlern nicht weit genug. Trotz der effektiven Umsatzzuwächse in den Innenstädten dürfe die Debatte mit den verlängerten Öffnungszeiten am Samstag nicht beendet sein, forderte Kaufhof-Vorstandschef Lovro Mandac. „Am Bahnhof in Leipzig sind Geschäfte 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche offen, und wir müssen ein paar Meter weiter die Türen um 20 Uhr zumachen“, kritisierte er. Dies sei wettbewerbsverzerrend. Befürworter einer weiteren Liberalisierung weisen zudem darauf hin, dass die deutschen Läden selbst nach der jüngsten Ausweitung der Geschäftszeiten im europäischen Vergleich nach wie vor mit am kürzesten geöffnet sind.

Am 4. November wird das Bundesverfassungsgericht eine Klage des Kaufhofs gegen das Ladenschlussgesetz verhandeln. „Falls die Richter eine Überprüfung des Gesetzes anordnen, ist schon bald mit dessen Totalaufhebung zu rechnen“, hofft der Hauptgeschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels, Johann D. Hellwege.

Keine konkreten Planungen der Regierung

In diesem Fall könnte der Einzelhandel dann auch an Sonntagen öffnen – wogegen die Kirchen allerdings Sturm laufen würden. „Beim Sonntag sind wir entschlossen, mit aller Kraft gegen eine generelle Öffnung zu kämpfen“, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bischofskonferenz. Die evangelische Kirche sieht das genauso. Dennoch hält Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU) einen Kompromiss für möglich. Er empfiehlt, Deutschland solle dem Beispiel vieler Städte in den USA folgen. Dort blieben die Geschäfte am Sonntagvormittag während des Kirchgangs bis 12 Uhr geschlossen, danach könne man shoppen. Allerdings meint auch HDE-Präsident Hermann Franzen, dass Sonn- und Feiertage auch künftig nur ausnahmsweise zu Verkaufstagen werden sollten.

Trotz des Drucks der Konzernbosse sagte ein Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD): „Bei uns gibt es derzeit keine konkreten Planungen, die Öffnungszeiten der Geschäfte auszuweiten.“ Langfristig sei aber alles möglich. Clement hatte schon im Zuge des verlängerten Samstags eine weiter reichende Freigabe der Öffnungszeiten gefordert, war damit aber an Widerständen auch aus den eigenen Reihen gescheitert.

Offenbar scheut Clement den Konflikt mit der mächtigen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die sich gegen eine weitere Ausweitung der Shopping-Zeiten stemmt. Zwar seien durch die verlängerten Samstagsöffnungen einige geringfügig Beschäftigte mehr eingestellt worden, sagte Bundesfachgruppenleiter Ulrich Dalibor, nachhaltige Umsatzsteigerungen aber würden längere Öffnungszeiten nicht bringen.

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