Umstrittene Zucker-Bomben
Hipp verkauft über Umweg weiter gesüßten Kinder-Tee

Nach heftiger Kritik hatte Hipp vor einem Jahr seine Tees für Kleinkinder aus den Regalen geholt – doch unter anderem Namen verkauft der Konzern solche Produkte, die zu 94 Prozent aus Zucker bestehen, bis heute weiter.
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DüsseldorfNach heftiger Verbraucherkritik hatte Hipp seine Zuckergranulat-Tees für Kleinkinder 2012 vom Markt genommen. Ein fantastischer Erfolg des Verbraucherprotests – dachten die Verbraucherschützer von Foodwatch... Doch unter anderem Namen verkauft das Unternehmen solche Produkte bis heute weiter. Für Bebivita, eine 100-prozentige Tochterfirma, hat Hipp offenbar die eigenen Maßstäbe außer Kraft gesetzt: Der Instant-„Kinder-Früchtetee“ widerspricht allen gängigen Ernährungsempfehlungen und ist auch noch mit einem Zusatzstoff versehen, den Hipp selbst als „zahnschädlich“ bezeichnet. Mit einem Brief und einer E-Mail-Aktion unter www.abgespeist.de fordert die Verbraucherorganisation Foodwatch Firmenchef Claus Hipp auf, die Produkte einzustellen.

Unter der Marke Bebivita, die viele Verbraucher gar nicht kennen, vertreibt Hipp für Kinder ab 12 Monaten Früchtetees aus Granulat, das zu 94 Prozent aus Zucker besteht. Auf der Webseite werden die umstrittenen Zucker-Bomben angepriesen: „Unsere Bebivita Tees sind wohltuend, schmecken gut und sind bekömmlich“, heißt es dort.

Das widerspricht dem oft postulierten Anspruch von Hipp, „kindgerechte“ und „gesunde“ Produkte für Kinder anzubieten: Allen gängigen Ernährungsempfehlungen zufolge sollten Kinder Tee nur ungesüßt trinken. Da Tee ganz einfach klassisch mit Teebeuteln zubereitet werden kann, besteht auch keine Notwendigkeit eines Zuckerzusatzes.

Außerdem, das kritisieren die Verbraucherschützer, enthalten die Bebivita-Tees das Säuerungsmittel Zitronensäure (E 330), das bei der Marke Hipp unter Verweis auf gesundheitliche Gründe nicht eingesetzt wird: In der Öffentlichkeit rühmte sich das Unternehmen, dass die Hipp-Produkte „keinerlei zahnschädliche Zitronensäure“ enthielten. Bei Bebivita gelten diese Bedenken offensichtlich nicht. Auf den Etiketten der Tochterfirma findet sich kein Hinweis, dass die Produkte tatsächlich von Hipp hergestellt und vertrieben werden. Handelsblatt Online hat das im bayerischen Pfaffenhofen ansässige Unternehmen für eine Stellungnahme angefragt.

„Es gibt Produkte, für die Claus Hipp nicht mit seinem Namen stehen will – die verkauft er dann eben einfach unter dem Namen Bebivita“, erklärte Oliver Huizinga, Experte für Lebensmittelwerbung bei Foodwatch. „Man möchte es Herrn Hipp so gern abnehmen, dass es nicht nur um Profit, sondern wirklich auch um die Gesundheit der Kinder geht – die Produktpolitik bei der Tochterfirma Bebivita legt eher den gegenteiligen Eindruck nahe. Klar ist: Tee braucht gar keinen Zucker – da hilft es auch nicht, wenn sich Hipp mit Apfelschorle oder Limonade vergleicht.“

Foodwatch hatte die Hipp-Instanttees im Mai 2012 erstmals kritisiert. Innerhalb weniger Tage hatten bereits 10.000 Verbraucher eine Beschwerde-E-Mail an das Unternehmen unterzeichnet. Im Juni verlieh die Organisation dem Unternehmen den Goldenen Windbeutel 2012 als Negativpreis für die Werbelüge des Jahres 2012. Kurz zuvor hatte Hipp bereits angekündigt, die Zuckergranulat-Tees vom Markt zu nehmen und durch „zuckerfreien Tee“ zu ersetzen – seit Ende des Jahres 2012 sind tatsächlich einfache Teebeutel ohne Zuckerzusatz als Ersatzprodukt im Handel.

Die Baby- und Kindernahrung der Firma Bebivita kommen aus konventioneller Landwirtschaft und sind deutlich günstiger als die Bio-Produkte des Mutterkonzerns. Laut „Spiegel Online“ verzichtet Bebivita, soweit es möglich ist, eigenen Angaben zufolge auf den Zusatz von Zitronensäure, im Früchtetee seien nur geringe Spuren enthalten. Für die Zukunft werde nach Wegen gesucht, auf den Zusatzstoff komplett verzichten zu können.

Carina Kontio ist Redakteurin im Ressort Unternehmen & Märkte.
Carina Kontio
Handelsblatt / Redakteurin Unternehmen

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  • Kritische Journalisten, wo seid ihr? Aufwachen! Arbeiten!

    "Unter der Marke Bebivita, die viele Verbraucher gar nicht kennen" - Jeder, der ein Baby hat, kennt die!

    Hipp ist Bio. Bebivita nicht. Steht doch alles drauf bzw. eben nicht drauf. Bio ist nun mal teuer. Und nicht jeder kann sich Hipp leisten.
    Wenn Sie mal mit Baby/Kleinkind im Ausland gelebt haben, lernen Sie die übersichtliche deutsche Babynahrungswelt in den Supermärkten und Drogerieketten mit Hipp/Bebivita und Alete (Nestle) schätzen. Auswahl UND Qualität für jeden Geldbeutel. Auch im Nicht-Bio-Segment (=Bebivita).
    Probieren Sie mal normalpreisige Babynahrung in anderen Staaten weiter östlich. Und noch etwas weiter weg freut man sich sogar darüber!

    foodwatch stürzt sich auf das vermutlich im Markt eher unbedeutende Produkt Instant-Tee, verunglimpft damit die Babynahrungsmarke generell und verunsichert unkritische uninformierte Eltern.
    Wie hoch ist den der Zuckergehalt des Getränks. Habe mir mal den Spass gemacht und bei Spiegel, Focus und SZ nachgeschaut. Da stehen Zahlen. 2g je 100ml. Und Saft hat 10g. Vermutlich hat außer Wasser, Tee (=Wasser mit Geschmack) und Pepsi light :-) jedes andere Getränk mehr Zucker??!

    Woanders könnte foodwatch sich auf eine saftige Schadenersatzklage einstellen.

    "die Verbraucherschützer von Foodwatch" - Spendensammler wäre die richtige Anrede. Wenn die Stiftung Warentest von Spenden leben würde und so oberflächlich arbeiten würde ... Achtet also bitte darauf, wen ihr so nennt.
    Ich denke, es gibt viel dringendere und größere Probleme in der Lebensmittelindustrie, derer sich foodwatch annehmen sollte. Aber mit einer Attacke auf die dem Verbraucher bekannte Marke Hipp lässt sich das Spendenaufkommen einfacher erhöhen.
    Und da Hipp ja im letzten Jahr schon erfolgreich angezählt wurde, hat man bequemerweise einfach da weiter gebohrt.

    Wenn wir Pech haben verkauft Herr Hipp sein Unternehmen einem internationalen Multi. Dann hat foodwatch echt zu tun!






  • Nöö, mein Vorredner hat was anderes eingenommen. Glucose war's sicher nicht, in Maßen beflügelt Glucose die Hirnleistung. (Dafür würde allerdings 1 Teelöffel Hipp genügen, und nicht 'ne ganze Flasche).

  • Sie meinen Zuckerfreiheit - Ihr Vorredner meinte was anderes.

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