Umstrittenes Projekt
Abenteuerflugplatz Allgäu

Mitten im Allgäu erwarten Touristen eigentlich eine grüne Idylle. Fernab von allen Bevölkerungszentren entstand nun quasi mitten auf der Wiese ein Regionalflughafen. Wozu braucht eine Hand voll größtenteils mittelständischer Unternehmen eine Rollbahn vor der Haustür? Die Goliaths in dem Geschäft wettern über solch teuren Lokalpatriotismus.

MEMMINGEN. In den ersten Monaten hat Wolfgang E. Schultz noch akribisch Liste geführt: 11. Juli 2001, 19.30 Uhr, Dr. Wiesheu, Memmingen. 12. Juli 2001, 16.30 Uhr, Miller und Lufthansa, Memmingerberg. 20. Juli 2001, 17 Uhr, Präsident der IHK, Lindau. „Im November 2001“, erzählt der 61-Jährige mit dem rotgrauen Vollbart und den zurückgekämmten Haaren und legt die Excell-Tabelle beiseite, „habe ich die Buchführung dann eingestellt. Für einen Traum zählt man keine Termine und Stunden mehr.“

Sechs Jahre und ungezählte Termine später ist der Traum des geschäftsführenden Gesellschafters von Magnet-Schultz, einer Spezialfabrik für elektromagnetische Apparate, und sechs weiterer Mittelständler aus dem Allgäu Realität geworden – der Traum von einem Flughafen vor den Werkstoren. Aus dem Fliegerhorst Memmingen der Bundeswehr ist ein Verkehrsflughafen mit Instrumentenflugbetrieb geworden. Am Donnerstag landet der erste Linienflieger auf dem Allgäu Airport nahe Memmingen: Die Fluggesellschaft Tuifly stationiert eine erste B737-300 mit 148 Sitzen, im Winter soll eine weitere Maschine folgen.

Der Allgäu Airport (MMF) wird damit allerdings nicht nur zum höchstgelegenen Flughafen Deutschlands (635 Meter über dem Meeresspiegel), sondern auch zu einem der umstrittensten. Die Gegner: Die Flughäfen München, Stuttgart und Friedrichshafen am Bodensee sowie die großen Fluggesellschaften, insbesondere die Deutsche Lufthansa, die am Münchener Terminal 2 zu 40 Prozent beteiligt ist. Ihre Argumente, die von mehreren Studien gestützt werden: Deutschland braucht keine weiteren Airports. Vielmehr sollten die bestehenden großen Flughäfen Frankfurt, München, Düsseldorf, Berlin, Hamburg und Stuttgart ausgebaut werden. Alles andere sei Lokalpatriotismus auf Kosten des Steuerzahlers.

„Klar, dass uns keiner mag!“ entgegnet Ralf Schmid. Der 40-Jährige mit den grauen Stoppelhaaren, der schon seine Diplomarbeit über die Konversion von Militär- zu Zivilflugplätzen schrieb, ist seit Sommer 2002 Geschäftsführer der Allgäu Airport GmbH & Co. KG, und er hat große Pläne. 300 000 Passagiere will er mittelfristig ab MMF starten und landen sehen. Die gelben Flieger mit dem roten „Smile“ des Touristikkonzerns Tui verbinden Memmingen mit Berlin, Hamburg, Palma di Mallorca, Venedig, Neapel, Heraklion und Antalya. „Die Flughäfen München und Stuttgart stoßen für uns an Wachstumsgrenzen. Der Allgäu Airport ist für uns auf Grund seiner Erreichbarkeit am Autobahnkreuz A7 - A96 und des großen Einzugsgebiets eine sehr, sehr gute Alternative“, sagt Roland Keppler, Tuifly-Geschäftsführer.

20 Millionen Euro flossen bisher in den Ausbau des einstigen Fliegerhorsts. Aus der Wartungshalle, die wegen ihres frei schwebenden Betondachs „Picasso-Halle“ genannt wird, entsteht der Terminal mit zehn Check-in-Schaltern, drei Gates, zwei Kofferbändern, einer Lounge. Kapazitäten für bis zu 600 000 Passagiere im Jahr soll der Airport haben. Quantitativ ist Memmingen damit zwar nur eine Laus im Pelz der Münchener und Stuttgarter mit rund 40 Millionen Passagieren, aber auch die juckt – zumal auf dem 145 Hektar großen Gelände auch flugaffines Gewerbe sowie eine Werft Platz finden sollen.

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