Unister-Prozess
Um jeden Preis 

Der Tod des Unister-Gründers Thomas Wagner bleibt dubios. Für einen Kreditdeal mit einem Diamantenhändler flog er überhaupt erst nach Venedig. Die Maschine stürzte ab. Ein Mittelsmann steht nun als Zeuge vor Gericht.
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LeipzigOffenbar hat sich Thomas Wagner noch gefreut, dass der Flug so günstig war. 4.200 Euro sollte der Privatjet von Leipzig nach Venedig kosten. „Da zahlt man sonst bestimmt 10.000 Euro“, soll der Unister-Chef seiner Freundin vorgerechnet haben – ein paar Tage, bevor die Cessna über den slowenischen Bergen abstürzte und vier Menschen in den Tod riss. 

Der Mann, auf dessen Computer die Polizei später die Rechnung für den Flieger fand, sitzt heute vor dem Landgericht in Leipzig. Wagners Freundin ist als Zeugin geladen. Wilfried S. soll den betrügerischen Kreditdeal vermittelt haben, für den Wagner überhaupt nach Venedig geflogen war – mit 1,5 Millionen Euro im Rucksack. Das Geld war für den angeblichen Diamantenhändler Levy V. bestimmt. Im Gegenzug sollte Wagner einen Kredit über 15 Millionen Euro erhalten. Er brauchte das Geld für seine Firma. Stattdessen bekam er einen Koffer voller Falschgeld. 

Die menschliche Tragödie täte ihm leid, sagt der Angeklagte. Er sitzt seit August in Untersuchungshaft. Verdacht auf Betrug in besonders schwerem Fall, lautet die Anklage. Wilfried S. weist die Schuld von sich. Den Kreditvertrag habe Heinz B. angefertigt, sagt S. Überhaupt habe B. die Hauptrolle bei diesem Deal gespielt. Heinz B. kann nicht mehr befragt werden. Er saß mit in der Cessna. Wilfried S. war zu Hause geblieben. Angeblich, weil sein Sohn krank war, sagen mehrere Zeugen. Er selbst behauptet, B. habe ihn nicht dabei haben wollen. 

„Pass mal auf“, sagt S. andauernd zum Richter. Er ist 73 Jahre alt, seine Lippen zittern leicht. Er habe Levy V. über eine Frau kennengelernt, die er wiederum im Internet kennengelernt hatte. Der Mann mache etwas mit Diamanten, habe es geheißen. Und da habe er, Wilfried S., natürlich interessant gefunden. „Irgendwas muss man ja machen“, sagt er. Es bleibt ein Rätsel, wie dieser Mann es geschafft hat, mit einem der größten Internet-Unternehmer des Landes ins Geschäft zu kommen.  

Gesehen haben sie einander nie. Der frühere Bankdirektor Karsten K. soll den Kontakt zu Heinz B. vermittelt haben. Der wiederum kannte Wilfried S. Und dieser behauptete allen vor Gericht anwesenden Zeugen gegenüber, den Diamantenhändler Levy V. seit langem zu kennen und immer nur gute Geschäfte mit ihm gemacht zu haben. 

Die Geschichte erzählte er auch zwei Mitarbeitern von Thomas Wagner, zwei Finanzexperten, die in ein Hotel in Hannover gekommen waren, um sich das Angebot von Heinz B., Karsten K. und Wilfried S. einmal anzuhören. Dass er zu dem Zeitpunkt längst gemeinsam mit Susanne R. auf einem Parkplatz in Slowenien gewesen war, wo diese von Herrn V. statt des ersehnten Kredits ebenfalls Falschgeld bekam, verriet Wilfried S. ihnen nicht. 

Das musste er auch nicht. Wagners Mitarbeiter fanden das Angebot ohnehin hochgradig unseriös. Bargeld mitbringen, um einen Kredit in Schweizer Franken zu erhalten? Angeblich war das Geld für eine Kreditausfallversicherung gedacht. Aber welche Versicherung das sein sollte, konnte keiner der drei Männer beantworten. „Ich glaube, wir haben mit der Mafia gesprochen“, schrieb einer von ihnen nach dem Gespräch per Mail an Thomas Wagner. 

Er hat die Warnung ignoriert. 

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