Unsere Aldi-Erinnerungen
Maus in der Bohnendose!

Das Discount-Imperium Aldi wird heute 100 Jahre alt. Handelsblatt Online hat sich erinnert an den Geschmack der Jugend – und an grausame Fundstücke in einer kleinen Bohnendose.
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DüsseldorfKarlsquell war ein Teil meiner Jugend – kein besonders wohlschmeckender, aber kultig und vor allem effizient im Hinblick auf das karge Gesamtbudget eines Jugendlichen. K39, wie der Stoff in den blau-weißen Dosen im Fachjargon hieß, war unter den vielen Billig-Bieren am ehesten genießbar. Erstrecht für unsere jungen, nicht verwöhnten Schlunde.

Egal ob beim Zelten am Lagerfeuer, auf Wiesen-Konzerten oder im dunklen Kellerzimmer beim PC-Spielen: Das Edelpils für 39 Pfennig war ein treuer Begleiter. Karlsquell und mit Abstrichen auch Hansa-Pils waren in den 90er-Jahren das flüssige Gold – erstrecht für Freunde des Punkrock oder Heavy Metal.

Ende 2002 war meine Karlsquell-Zeit zwar weitgehend überstanden. Aber dennoch kann ich Aldis Entscheidung bis heute nicht nachvollziehen: Der Discounter entschied im Zuge der Einführung des Dosenpfandes, Karlsquell aus dem Sortiment zu streichen. Bis heute ist es nur in Belgien, Spanien oder Frankreich erhältlich.

Ich kann mich gut an mein letztes Mal erinnern: Die Dosen mussten raus. Statt K39 hieß es plötzlich K5: Für fünf Pfennig wurde das „Edelpils“ verschleudert. Wir fuhren mit drei Autos los, klapperten alle Aldi-Filialen in der Umgebung ab. Nach drei Enttäuschungen hatten wir Glück: Diese Filiale hatte noch Restbestände.

Es waren tumultartige Zustände: Am liebsten hätten einige „Fans“ den Hubwagen geklaut und die Europaletten als ganze verladen. So war jeder im Vorteil, der genug Mark-Stücke dabei hatte und sich genug Einkaufswagen leisten konnte, die es dann natürlich auch zu bewachen galt.

Gefühlte Tonnen an Dosen schafften wir so unter Einsatz unserer körperlichen Unversehrtheit an die frische Luft und zu unseren Autos. Eine Palette für 1,20 Mark. Wir schworen uns, den Kassenbon mit den 17 Paletten, die wir ergattern konnten, nie zu verlieren. Das haben wir nicht geschafft. Aber nicht zuletzt auf so mancher Karlsquell-Party blieb in den folgenden Monaten keine Dose ungeleert und wanderte ohne Reue in den gelben Sack.

Heute gibt es wieder verbreitet Dosenbier. Aber es ist nicht mehr dasselbe. Vor allem, weil die Dosen im Gegensatz zur guten K39-Zeit nun 0,5 Liter groß sind und nicht mehr 0,33 Liter. Und auch Aldi verkauft wieder Karlsquell, wenn auch in PET-Flaschen und unter dem Namen Maternus. Es wird nie wieder dasselbe sein, keine Frage. Auch weil ich inzwischen begriffen habe, dass das Leben zu kurz ist, um mittelmäßiges Bier zu trinken. (Thorsten Giersch)

Kommentare zu " Unsere Aldi-Erinnerungen: Maus in der Bohnendose!"

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  • Auch wenn ich die Macht der Dicounter kritisch sehe, muss man erkennen, dass ohne Aldi und Co. hierzulande noch mehr kinderreiche Familien in die Armut schlittern würden.

  • Mein Mitleid gilt all denen, die mit Fertig-Gerichten, ob von Aldi oder von wem auch immer, aufwachsen mussten (müssen). Weil die Mamis zu dumm oder zu faul waren (sind), selbst zu kochen.

  • Da fragen sie mal die Zulieferer.
    Was glauben sie wohl, wie die "korrekten Preise" zustande kommen.
    Ein Hohn.

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