Unternehmen denken über einen Rückzug von der Nyse nach
US-Börse leidet unter Regulierungswut

Maurice „Hank“ Greenberg ist der dienstälteste CEO in den USA und hat in seinen 37 Jahren an der Spitze des Versicherungskonzerns AIG schon einiges erlebt. Die jüngste Reform der Regeln für die Unternehmensführung (Corporate Governance) in den USA hat jedoch auch den 79-Jährigen verblüfft.

NEW YORK. „Einige Firmenchefs beschäftigen sich tagsüber mit den neuen Vorschriften und leiten nachts ihre Unternehmen“, sagte Greenberg kürzlich mit beißendem Sarkasmus. Für den Versicherer bedeutet die vom Enron-Skandal ausgelöste Regulierungswelle Mehrkosten von rund 300 Millionen Dollar im Jahr.

Der größte Kostentreiber ist das Sarbanes-Oxley-Gesetz. Insbesondere die umstrittene Sektion 404 bereitet den Firmen Kopfzerbrechen. Er zwingt sie, ein umfangreiches internes Kontrollsystem aufzubauen, das die korrekte Rechnungslegung gewährleisten soll. Eon-Finanzchef Erhard Schipporeit beschreibt das als kaskadenartigen Prozess, bei dem sich alle, die an einem Jahresabschluss mitarbeiten, jeweils bei ihren Chefs dafür verbürgen, dass ihre Zulieferung richtig ist. „Bei einem weit verzweigten Konzern ist das eine komplexe Zertifizierung“, sagt er. „Der Aufwand dafür lässt sich nur noch mit den Vorbereitungen für das Jahr-2000-Problem vergleichen“, sagt Gernot Wagner, Experte für Unternehmensrecht bei der Anwaltskanzlei Latham & Watkins. So hat der Industriekonzern General Electric (GE) 250 000 Arbeitsstunden gebraucht, um den neuen Vorschriften Folge zu leisten.

Während Weltkonzerne wie AIG und GE keine Möglichkeit haben, sich dem Griff der Regulierer zu entziehen, kommen kleinere wie auch ausländische Unternehmen ins Grübeln, ob es sich für die Börsennotierung lohnt, sich Tausende Stunden durch den Regulierungs-Dschungel zu kämpfen und obendrein Wirtschaftsprüfern und Anwälten hohe Gebühren zu zahlen.

Der Chef der New Yorker Börse (Nyse), John Thain, bekommt den Unmut zu spüren. In einem eindringlichen Appell warnte er jetzt die US- Behörden davor, die Regulierung zu übertreiben. „Viele Firmenchefs beklagen, dass das Pendel zu weit ausgeschlagen ist. Dass die Kosten zu hoch sind. Dass das Klagerisiko zu groß ist“, sagte Thain im Economic Club in New York. Die Folgen sind bereits sichtbar: Registrierte die Nyse zwischen 1996 und 2001 im Durchschnitt noch jährlich 50 neue Börsennotierungen aus dem Ausland, waren es in den vergangenen zwei Jahren nur noch halb so viele. „In diesem Jahr haben wir bisher erst eine neue Notierung aus Europa“, klagt Thain.

Verantwortlich dafür macht er aber nicht nur das Sarbanes-Oxley- Gesetz. „Auch die Reputation der USA als Schauplatz für unternehmensfeindliche Sammelklagen hat Alarm ausgelöst“, sagt Thain. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers ist die Zahl ausländischer Unternehmen, die von Sammelklagen betroffen waren, von 2001 auf 2002 um fast die Hälfte gestiegen. Ob Bayer mit seinem umstrittenen Cholesterinsenker Lipobay, Shell mit seiner überraschenden Neubewertung der Ölreserven oder Adecco mit seinen Bilanzproblemen – die Liste wächst ständig.

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