US-Investor schreibt an Tui-Aufsichtsratschef
Wyser-Pratte fordert Frenzels Abgang

US-Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte hat den Tui-Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow schriftlich dazu aufgefordert, einen neuen Vorstandsvorsitzenden für den Reisekonzern zu suchen. Der Aufsichtsrat will den Vertrag von Michael Frenzel offenbar verlängern. Doch das will Wyser-Pratte mit allen Mitteln verhindern.

DÜSSELDORF. „Der derzeitige CEO, Dr. Michael Frenzel hatte mehr als 13 Jahre Zeit, um seine Vision in die Tat umzusetzen“, schreibt Wyser-Pratte an Krumnow in einem Brief, der dem Handelsblatt vorliegt. „Trotz dieser langjährigen Amtszeit ... hat Dr. Frenzel kaum Werte für die Aktionäre geschaffen. Wir fragen uns, wie Sie unter diesen Umständen erwägen können, seinen Vertrag noch zu verlängern.“

Die Vertragsverlängerung für Frenzel steht seit etwa zwei Wochen im Raum. Nach Informationen aus Aufsichtsratskreisen soll es im Kontrollgremium Einigkeit darüber geben, Frenzels Anstellung bei der Sitzung des Aufsichtsrats am 8. November bis 2013 fortzuschreiben. Wyser-Pratte, der jüngst für rund 40 Mill. Euro Tui-Aktien gekauft hat, will dies unter allen Umständen verhindern. „Es kommt für jede Führung mal eine Zeit, in der sie beweisen muss, dass sie auch harte Entscheidungen fällen kann“, schreibt der US-Investor an Krumnow. „Es ist klar, dass Frenzels Leistung nicht erfolgreich war. Jetzt ist der Tag gekommen, um nach einem würdevollen Abgang für Frenzel zu suchen.“

Krumnow lehnte eine Stellungnahme zu dem Brief auf Anfrage ab. Dies sei so üblich. Dabei ist Wyser-Pratte längst nicht der erste Tui-Aktionär, der sich an der Mangelleistung von Frenzel stößt. Auf der Hauptversammlung 2006 wetterte der DWS-Chef Klaus Kaldemorgen gegen Missmanagement und machte den Vorstand für die dauerhaft unterdurchschnittliche Entwicklung der Tui-Aktie verantwortlich. Die britische Fondsgesellschaft Hermes schickte ein 50-seitiges Papier an Frenzel, in dem zahlreiche Strategiemängel angekreidet werden. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz verweigerte auf der jüngsten Hauptversammlung sowohl dem Vorstand als auch dem Aufsichtsrat die Entlastung.

Die Tui entwickelt sich so schlecht, dass sie inzwischen an Universitäten als Lehrbeispiel für Missmanagement genutzt wird. Professor Ernst Maug vom Lehrstuhl für Corporate Finance an der Universität Mannheim hat als Mitverfasser einer umfangreichen Studie den Umbau des ehemaligen Industriekonzerns Preussag zum Reise- und Schifffahrtsunternehmen Tui analysiert. Das Ergebnis: der Umbau war ein Desaster. Frenzel gab Milliarden für Zukäufe aus, die sich schlecht entwickelten. Gewinnbringer dagegen wurden fast weggeschenkt – allein die ehemalige Tochter Salzgitter ist heute an der Börse rund doppelt so viel Wert wie Tui.

Während der Dax in den 13 Jahren Amtszeit von Frenzel als Tui-Chef um 250 Prozent zulegte, verlor die Tui-Aktie gut zehn Prozent an Wert. Ob im Branchenvergleich oder im Dax-Durchschnitt: Die Tui lag stets auf einem der hintersten Plätze. Das Gehalt des verantwortlichen Vorstands dagegen vervielfachte sich. Die Bezüge des Aufsichtsrates sind allein seit 2002 um 35 Prozent gestiegen. Die Dividende für die Aktionäre fiel 2006 dagegen aus.

Sollte sich der Tui-Aufsichtsrat in der kommenden Woche trotz der schlechten Konzernleistung dazu entscheiden, Frenzels Vertrag zu verlängern, bliebe Wyser-Pratte die Möglichkeit, nach Paragraph 122 des Aktiengesetzes eine außerordentliche Hauptversammlung einzuberufen. Hierzu sind fünf Prozent des Kapitals nötig. Auf der Versammlung könnte er dann mit einfacher Mehrheit ein Misstrauensvotum gegen den Vorstand stellen. Dies wäre nach gängiger Rechtsmeinung ein „wichtiger Grund“, aus dem ein Aufsichtsrat einen Vorstand abberufen sollte.

Wyser-Pratte hatte am Montag keine Zweifel, eine Mehrheit für diesen Schritt zu bekommen. „Ich habe in den letzten Wochen mit sehr vielem Tui-Aktionären gesprochen“, sagt der Amerikaner. „Und keiner ist gegen das, was ich vorhabe.“

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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