Verkauf oder Börsengang
Karstadt verstößt Neckermann

Mit der Übernahme von Neckermann – einem Symbol des Wirtschaftswunders – stieg Karstadt in den späten 70er Jahren groß in den Versandhandel ein. Erst 20 Jahre später fusionierte das Unternehmen mit dem Erzrivalen Quelle. Und doch ist es gerade der Neckermann-Versand, den der Konzern nun loswerden will. Dabei hatte Karstadt noch Großes mit der Marke vor.

HB/der ESSEN. Neckermanns Aufstieg kurz nach dem Krieg ist steil: Firmengründer Josef Neckermann ergreift in der Währungsreform 1948 seine Chance, indem er einen Textilgroßhandel gründet, aus dem 2 Jahre später der Versandhandel hervorgeht. Denn Kataloge haben ein gutes Image: Sie bieten günstige Preise, gesicherte Qualität und ein großes Angebot. Der Neuling überholt rasch die zahlreichen etablierten Spezialanbieter. Je dicker der Katalog, desto besser, lautet das Motto.

Der typische Kunde kommt aus der Mittelschicht und lebt auf dem Land. In den 60er-Jahren ist das Durchblättern der rund 400 bunten Seiten ein Familienereignis. Neckermann blüht im Gleichklang mit dem ganzen Land auf und gilt als eines Symbole des deutschen Wirtschaftswunders.. Nach der Ölkrise 1973 und unternehmerischen Fehlentscheidungen gerät Neckerman in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Karstadt greift zu und sichert sich 1977 die Mehrheit an dem Versender.

Die Wiedervereinigung 1989 bringt dem Versandhandel neuen Schwung. Die einstigen DDR-Bürger bestellen, was die Kataloge hergeben. Doch diese Sonderkonjunktur kann die Probleme des Versandhandels nur kurzzeitig überdecken. Denn auch auf dem Lande gibt es immer mehr Filialen großer Modeketten. Außerdem reift mit dem Internet ein Konkurrent heran, mit dessen Auswahl auch der dickste Katalog nicht mithalten kann.

1999 fusionieren Karstadt und Quelle, womit Neckermann an Bedeutung im Handelskonzern verliert. Die beiden Versender werden zusammen geführt.

Umbau zum Online-Händler



Das Ende der großen Kataloge läutet der Karstadt-Quelle-Konzern im August 2004 ein: Die Schwarten gelten als nicht mehr zeitgemäß und werden durch Einzelkataloge zu speziellen Themen wie Sport oder Lifestyle ersetzt. Neckermann verschickt seine sieben Millionen dicken Kataloge 2005 zum letzten Mal.

Eine Rosskur mit der Zusammenstreichung von Stellen und Sortiment soll das kriselnde Versandgeschäft wieder auf Kurs bringen. Neckermann soll zum führenden Online-Händler Deutschlands ausgebaut werden, was sich auch im neuen Namen niederschlägt: neckermann.de. Quelle soll als klassischer Katalogversender bestehen bleiben. Doch auch dieser Umbau fruchtet nicht: Der Umsatz sinkt weiter, die Versandsparte schreibt rote Zahlen – ein Luxus, den sich Konzernchef Thomas Middelhoff nicht leisten kann, hat er doch durch milliardenschwere Verkäufe von Immobilien und ganzer Warenhäuser das Gesamtunternehmen gerade erst vor der Pleite bewahrt.

Am Dienstag nun hat der Essener Handelskonzern angekündigt, sich von neckermann.de zu trennen, einem Unternehmen mit zum Schluss noch einem Umsatz von 1 Mrd. Euro im Jahr und 4 200 Mitarbeitern (Stand Ende 2005). Am Anfang des neuen Jahrtausends hatten knapp 6 800 Mitarbeiter bei der alten Neckermann noch einen Umsatz von 1,4 Mrd. Euro erwirtschaftet.

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