Verkauf von Medikamenten
Steiniger Weg zur billigen Pille

Preiswertere Medikamente, mehr Service, mehr Beratung – so könnte es kommen, wenn Discounter, Drogerieketten und Supermärkte groß ins Pillengeschäft einsteigen, wenn Konzerne Apotheken übernehmen und neue Pillenläden entstehen. Oder gefährden dann gierige Geschäftemacher unsere Gesundheit? Ein Report über Chancen, Risiken und Nebenwirkungen einer Marktöffnung.
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Lange Schlangen bei Rewe. Aber nicht vorn an der Kasse, sondern hinten im Geschäft gleich neben der Kühltheke mit den Smoothies. Da können die Kunden ihre Rezepte am holzvertäfelten Apothekentresen einlösen. Hinter einem weißen Paravent checkt der Pharmazeut des Supermarkts heute zum Aktionstag „Gesund einkaufen“ kostenlos Blutzucker und Blutdruck. Eine sonore Männerstimme unterbricht das Gesäusel des Easy Listening aus den Lautsprechern: „Bluthochdruck, Diabetes oder Depression? Probieren Sie unsere Ayurveda-Therapie zum Einsteiger-Schnupperpreis von 9,99 Euro. Rewe – jeden Tag ein bisschen gesünder.“

Der Edeka schräg gegenüber (Slogan: „Wir lieben Medikamente“) lockt die Patienten mit großen Plakaten in eine seiner neuen, „Edekamente“ getauften Apothekenecken. Und die Rossmann-Filiale nebenan hat gerade einen Umbau hinter sich. Vorn im Laden geht es zu wie früher: Die Kunden kaufen Cremes, Rotwein und Luftbetten mit eingebauter Pumpe. Dann strömen die Ersten durch die neue elektronische Schiebetür in den Nebenraum: die „Rossmann-Apotheke“. Heute sind Voltaren und Aspirin im Angebot. Pillenschachteln türmen sich wie Ramsch-Pullis bei Kik.

Einige Schritte weiter bietet die Outdoor-Kette Globetrotter im Megastore eine Impfberatung und verkauft dazu Malaria-Medikamente oder Erste-Hilfe-Sets gegen Höhenkrankheit.

Das alles ist natürlich frei erfunden. Doch unrealistisch ist das (fast) alles keineswegs. Denn beim Verkauf von Medikamenten – bislang in der Hand selbstständiger Apotheker – bahnt sich in Deutschland eine Umwälzung an. Künftig sollen beliebige Großunternehmen die Lizenz zum Betrieb von Apothekenketten bekommen. Die Weichen dafür werden im kommenden Jahr gestellt. Ein Umbruch mit gewaltigen Chancen, Risiken und Nebenwirkungen.

Es zieht Wettbewerb in eine seit Jahrhunderten zuerst durch Zunftordnung und heute durch das Apothekengesetz vor Konkurrenz geschützte Branche ein: Da aller Voraussicht nach in Deutschland viele Wettbewerber hart miteinander konkurrieren werden, dürfen sich die Verbraucher auf niedrigere Preise für die rezeptfreien Pillen freuen. Einige Ketten werden mit besserem Service um Kunden kämpfen – schließlich können viele ihre Arzneien auch gleich im Supermarkt besorgen. Tausende selbstständiger Apotheken werden aufgeben müssen. Schon warnen die Standeslobbyisten der Pharmazeuten vor gierigen Geschäftemachern in den neuen Pillenläden. Schließlich, so argumentieren sie, sind Medikamente nicht x-beliebige Produkte.

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