Verkehrsbetriebe schielen auf lukrative Ausschreibungen – Fachleute warnen vor knallharten Preis-Schlachten
Bieter kämpfen um Nahverkehrs-Aufträge

Der Wettbewerb im Schienennahverkehr gewinnt an Schwung. Bis 2009 werden allein in Deutschland Nahverkehrsleistungen in einem Wert von 10 Milliarden Euro von den öffentlichen Auftraggebern bestellt, schätzt die Beratungsfirma SCI Verkehr in einer aktuellen Studie.

DÜSSELDORF. Um diese Aufträge rangeln immer mehr Wettbewerber aus dem In- und Ausland in einem zum Teil ruinös geführten Bieterkampf. Mit Spannung erwartet die Branche den ersten Auftritt der britischen Arriva, die mit rund 11 000 Bussen und fast 350 Zügen sowie 34 000 Mitarbeitern im Jahr 2003 in sieben Ländern gut 2,6 Mrd. Euro Umsatz machte. „Mittelfristig könnte Deutschland für uns der zweitgrößte Markt nach Großbritannien werden“, sagte Vorstand David Martin dem Handelsblatt. Bei den Ausschreibungen dieses Jahres will er erstmals antreten.

Letztes Jahr kaufte Arriva die Prignitzer Eisenbahn-Gruppe (PEG), die in Ostdeutschland und im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr fährt. Zudem erwarb Arriva die Mehrheit an der Regentalbahn, die Netze in Ostbayern und Sachsen betreibt, und den hessischen Busunternehmer Sippel. Die Tochter Arriva Deutschland GmbH steht vor der Gründung, zunächst mit Sitz in Hamburg.

Damit tritt sie praktisch in Sichtweite eines kommunalen Wettbewerbers an, dem sie über die PEG auch noch partnerschaftlich verbunden ist – der Hamburger Hochbahn AG (HHA). Vorstandschef Günter Elste: „Es wird spannend in diesem Jahr, wie sich Arriva aufstellen wird.“ Direkte Kontakte habe es noch nicht gegeben. Auch die HHA wolle bundesweit weiter Schienenverkehr hinzugewinnen.

Ein Newcomer ist die Essener Abellio GmbH: „Wir nutzen jede Chance, um uns zu bewerben“, kündigt Geschäftsführer Wolfgang Meyer an . Abellio hat im Dezember den Zuschlag für den Betrieb auf zwei Ruhrgebietsstrecken erhalten. Abellio ist aus einer Kooperation der Verkehrsbetriebe von Essen, Mülheim und Oberhausen entstanden und will mit weiteren kommunalen Partnern Netzwerke aufbauen.

Connex, erster und zurzeit größter Verfolger des Ex-Monopolisten DB Regio, will bei den Ausschreibungen des Jahres ebenfalls mithalten. Bei dem Versuch, die Regentalbahn aufzukaufen, scheiterten die Franzosen an der britischen Konkurrenz Arriva. Connex-Vorstandschef Stéphane Richard, gibt zu: „Die haben einfach mehr gezahlt.“

Zu den internationalen Konzernen im deutschen Nahverkehr gehört die deutsch-französische Rhenus-Keolis, die sich bevorzugt bei kommunalen Busunternehmen einkauft. Geschäftsführer Hermann Niehus sieht zwar den Schienenverkehr als „lukratives Wachstumsfeld“, doch vermisst er „eine systematische und schnelle Privatisierung - wie bei der Telekom.“

Auch Branchenbeobachterin Maria Leenen, Geschäftsführerin von SCI Verkehr, spricht von einem „sehr verhaltenen Einstieg in den Wettbewerb“, weil die Deutsche Bahn vielfach ihre Marktmacht auszuspielen verstehe. Hinzu komme der Preiskampf – keine Chance für solide kalkulierende Mittelständler oder gar für „Einzelkämpfer und Bahnpioniere“ meint Leenen. Und sie warnt vor den Folgen: „Der reine Preiswettbewerb bringt nur sehr kurzfristige Erfolge, längerfristig geht das nur mit erheblichen Qualitätseinbußen. Dann aber hat der Fahrgast das Nachsehen.“

Das sieht Ulrich Homburg, Vorstandschef von DB Regio, nicht anders. Mit Dumping-Preisen will er nicht ins Rennen. Zugleich erwartet er, künftig billiger anbieten zu können. Gewerkschaften und Bahn-Konzern haben sich in ihrem neuen Beschäftigungsbündnis auf Mehr-Arbeit ohne mehr Geld verständigt. Nun hofft er, dass die Gewerkschaftsbasis den Kompromiss absegnet. Homburg: „Dann können wir endlich Kostenvorteile einplanen,die uns im Wettbewerb bestimmt stärken.“

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