Verkehrspolitik
Börse für den Alpentransit sorgt für Streit

Die Schweiz hat sich in eine verkehrspolitisch heikle Lage gebracht: Auf der einen Seite hat seit einer Volksabstimmung das Ziel Verfassungsrang, bis zum Jahr 2009 die Zahl der jährlichen Lastwagenfahrten über die Alpen auf rund 650 000 zu verringern. Auf der anderen Seite gilt das Landverkehrsabkommen mit der EU, das eine freie Wahl der Verkehrsmittel vorsieht.

ZÜRICH. In der Praxis bedeutet das derzeit, dass Lastwagen – mit dem Argument, für mehr Sicherheit sorgen zu wollen – bereits an der Grenze angehalten und nur nach und nach auf die Strecke durch die Alpen geschickt werden. Speditionsverbände klagen über „zeitweise chaotische Zustände“, die dieses System verursacht.

Um einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu finden, sind die Eidgenossen auf die Idee einer Alpentransitbörse verfallen. Den Grundgedanken dabei beschreibt der Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger so: Der Durchgang durch die Alpen bleibe trotz Lötschberg- und Gotthard-Tunnel beschränkt. Also müsse der Mangel mit marktwirtschaftlichen Methoden verwaltet werden: „Wir versteigern das Recht durchzufahren“, sagt Leuenberger. An einer Internetbörse sollen Speditionen mit diesem Recht handeln können. Je größer die Nachfrage ist, desto teurer wird dann die Fahrt durch die Alpen. Schon im übernächsten Jahr, so die Vorstellung der einflussreichen Schweizer Organisation „Alpeninitiative“ , soll diese Idee in die Tat umgesetzt werden.

Die Wirklichkeit allerdings sieht bislang nicht danach aus. Die EU sagt zwar nicht grundsätzlich „Nein“ zu der Idee. Verkehrskommissar Jacques Barrot hat aber auf der jüngsten Konferenz seiner Kollegen aus den Alpenländern die Angelegenheit an die Experten delegiert: EU und Schweiz sollen eine gemeinsame Studie zu neuen Regulierungssystemen erarbeiten. Dann werde man weitersehen. Der Schweizer Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sieht die Gefahr, dass die EU, falls sie zustimmt, im Gegenzug fordern wird, das Nachtfahrverbot für LKWs in der Schweiz zu streichen sowie auch längere und schwerere Lastwagen als bisher in dem Land erlaubt durchfahren zu lassen. Damit werde ein Trend fortgeschrieben, den niemand wollte, der sich aber schon jetzt abzeichnet: Die Zahl der LKWs in der Schweiz sinkt zwar, die Zahl der transportierten Tonnen auf der Straße nimmt aber ständig zu.

Gegen die Alpentransitbörse wehren sich auch die Betroffenen: Speditionsverbände in der Schweiz und im Ausland sehen neue Kosten auf sich zukommen. Der Deutsche Speditions- und Logistikverband hat in einer Stellungnahme an das Bundesverkehrsministerium seine ablehnende Haltung deutlich gemacht: Eine solche Börse sei mit dem Prinzip der „freien Verkehrsmittelwahl“ nicht vereinbar. Ins gleiche Horn stößt auch der schweizerische Nutzfahrzeugverband Astag: Vor allem die inländischen Spediteure, die drei- bis viermal am Tag mit Lastwagen die Alpenrouten nutzten, seien die Leidtragenden einer solchen Börse.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%