Verkorkste Verkehrspolitik
Deutschland im Flughafen-Wahn

Die Bundesrepublik hat zu viele Flughäfen. Das liegt vor allem an der verkorksten Verkehrspolitik: Denn über neue Airports entscheiden Landespolitiker. Und die haben meist nur ihre Region im Blick. Ein Ortsbesuch.
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Frankfurt„Wenn ich gewusst hätte, dass an unserem Info-Point so viel los ist, hätte ich da 'ne Pommesbude hingesetzt“, sagt Tobias Busch. Er ist Leiter des Verkehrsdienstes am Flughafen Kassel-Calden, also für das Management des Luftverkehrs zuständig. Der neue Flughafen soll ein Kristallisationspunkt für die nordhessische Metropole werden. Und ist es schon, bevor er überhaupt fertig ist. Familien, Interessierte schauen regelmäßig vorbei.

Doch der Airport ist auch ein Streitpunkt - wie so viele deutsche Regionalflughäfen. „Landratspisten“ werden sie von Spöttern genannt. Weil sich Regionalpolitiker so häufig und gerne mit eigenen Flughäfen schmücken, finanziert mit Steuergeldern. Viele dieser Flughäfen verdienen noch nicht einmal die Kosten ihres operativen Betriebs, geschweige denn die Finanzierungskosten. Von den 17 größten deutschen Flughäfen haben nach Recherchen des Handelsblatts nur sieben zuletzt einen Gewinn erwirtschaftet. Der Rest schreibt rote Zahlen.

Deutschland hat zu viele Flughäfen. Die USA ist 27-mal größer als Deutschland. Das riesige Land hat aber nur gut viermal mehr Flughäfen. 162 Verkehrsflughäfen werden dort gelistet, hierzulande sind es 39. Das ist auch eine Folge einer verkorksten Verkehrspolitik. Über neue Flughäfen entscheiden Landespolitiker. Die haben aber vor allem die Interessen ihrer Region im Auge, stellen sich nicht die Frage, wie viele Flughäfen wirklich nötig sind.

Und so wird munter weitergebaut, etwa in Kassel-Calden. Seit wenigen Wochen ist hier Maria Muller Geschäftsführerin des Flughafens. Sie freut sich schon auf ihr neues Büro am künftigen Flughafen. Doch auch in dem alten hat sie es sich gemütlich gemacht. Bilder von befreundeten Piloten hängen an der Wand. Der Blick durch die offene Balkontür ist weit, reicht bis zu den grünen Hügeln vor Kassel.

„Die Region Kassel boomt, auch wenn der Nordhesse das in seiner Zurückhaltung nicht so direkt vermarktet. Mit mehr ankommenden Flügen müssen wir den Geschäftsstandort stärken“, kontert sie selbstbewusst Zweifel am neuen Airport. Muller kennt sich aus im Geschäft, hat schon in Rostock-Laage den Flughafen durch eine Krise geführt und Frankfurt-Hahn mit aufgebaut.

Doch sie weiß: Das Argument der wirtschaftlichen Förderung hat es immer schwerer. Die Kommunen sind klamm. Auch die Luftfahrtbranche steckt in der Krise. Die Kerosinpreise klettern und damit auch die Kosten für die Fluggesellschaften. Zusatzbelastungen etwa aus dem Emissionsrechtehandel oder der deutschen Ticketsteuer drücken auf die sowieso schon schwachen Margen der Airlines. Anbieter wie Lufthansa, Air Berlin und Ryanair kappen deshalb ihre Flugpläne zusammen, zulasten vor allem der kleineren Flughäfen.

Da nützen alle Prognosen über weiter steigende Passagierzahlen wenig. Das hat dramatische Folgen. Am Hunsrückflughafen Hahn haben rückläufige Fracht- und Passagierzahlen so tiefrote Zahlen verursacht, dass der hessische CDU-Abgeordnete und Hahn-Aufsichtsrat Jochen Riebel jüngst zum Ärger der Geschäftsführung vor einer drohenden Pleite des Airports warnte. Erst Ende vergangener Woche wurde der Streit beigelegt, die Liquidität des Flughafens „politisch“ gesichert.

Kommentare zu " Verkorkste Verkehrspolitik: Deutschland im Flughafen-Wahn"

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  • @ Buerger
    Stolz? Die Lufthansa gehört wie nahezu alle Dax-Unternehmen mehrheitlich ausländischen "Investoren"
    (LH wegen der nationalen Zulassung knapp unter dieser Mehrheitsschwelle). Renditen fließen ins Ausland!
    Alle Belastungen und Kosten und Umweltprobleme incl. der Infarstrukturkosten tragen wir, die Bürger, auch "@ Buerger". Für die ist aber kein Geld mehr für auskömmliche Löhne und Renten da! Schonmal das Waffeleisen umgedreht?

  • @silber:

    Grundsätzlich haben Sie recht: Wenn eine Straße gebaut wird, ist ohnehin klar, dass damit nichts verdient wird. Bei den Regionalflughäfen, die der Artikel beschreibt, ist das genauso klar.

    Aber ungerecht ist doch, dass die Deutsche Bahn Gewinne erwirtschaften soll, oder?

  • Des Wahnsinn's fette Beute, mehr fällt mir dazu nicht ein.
    Und der Steuerzahler darf's dann bezahlen. Was soll der Unsinn in einem Land, in dem es schon derzeit etwa alle 100 km einen etablierten Flughafen gibt, in dem es gute Bahn- und
    Autoverbindungen gibt? Ich lebe in Celle, Celle hat einen alten Armeeflughafen der zur Luftbrücke intensiv genutzt wurde. Ich warte nur auf den Aufruf 'Celle International' muss her, denn Hannover ist ja 40km entfernt.

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