Verordnete Flottenerneuerung überfordert die Fährschiff-Branche
Griechische Reeder fürchten um ihre Existenz

Die griechische Fährschifffahrt, die wichtigste Transportbranche des inselreichen Landes, steht vor einer tief greifenden Konsolidierung. Nahezu 70 % der Gesamtflotte muss in den kommenden Jahren aus Altersgründen aus dem Verkehr gezogen werden.

PIRÄUS. Für Neubauten fehlt das Geld: Die Erträge sind schlecht, und die Reeder stehen bereits mit über 2 Mrd. $ in der Kreide, vor allem bei deutschen Banken.

Mit 18,3 Millionen Passagieren und 2,1 Mill. Fahrzeugen jährlich transportieren die griechischen Fährschiffe auf den Inlandsrouten mehr Menschen und Güter als jeder andere Verkehrsträger des Landes. Der Markt wächst im langjährigen Mittel um 3 bis 4 % pro Jahr. Die Fährschiffflotte aber wird in den kommenden Jahren dramatisch schrumpfen. Nach der Havarie der Autofähre „Express Samina“, bei der im Herbst 2000 vor der Insel Paros 80 Menschen ertranken, erließ die Athener Regierung hastig neue Regularien, mit denen die Sicherheit des Fährverkehrs verbessert werden sollte. So müssen schrittweise bis 2008 alle Passagierschiffe aus dem Verkehr gezogen werden, die älter als 30 Jahre sind. Damit müssen von den heute 95 im Inlandsverkehr eingesetzten Schiffen in fünf Jahren 65 Einheiten stillgelegt werden. Die Branche verliert dadurch 88 % ihrer Passagier- und 58 % ihrer Fahrzeug-Transportkapazitäten.

Für einige Reedereien hat die Ausmusterung dramatische Folgen. So wird die auf Lesbos beheimatete NEL durch die Zwangspensionierung alle drei bisher betriebenen konventionellen Schiffe verlieren. Die Reederei GA Ferries muss alle sechs derzeit eingesetzten konventionellen Schiffe stilllegen. Fragezeichen schweben auch über der Zukunft der größten griechischen Fährschiffreederei, Hellas Flying Dolphins. Sie muss bis 2008 allein 14 ihrer heute 15 konventionellen Schiffe sowie 15 ihrer 40 Tragflügelboote und Highspeed-Fähren an die Kette legen.

„Damit ist die Existenz des griechischen Fährschiff-Netzes gefährdet“, fürchtet Georg Xiradakis, Chef des Wirtschaftsberatungsunternehmens XRTC in Piräus. „Wir stehen vor einem Problem mit erheblichen gesamtwirtschaftlichen und sozialen Dimensionen.“ Dass es den Reedern gelingen könnte, die stillgelegten Kapazitäten rechtzeitig durch Neubauten oder jüngere Gebrauchtschiffe zu ersetzen, ist kaum vorstellbar. Ohnehin sind die meisten Gesellschaften hoch verschuldet. Allein die fünf börsennotierten griechischen Fährschiff-Reedereien stehen bei den Banken mit knapp 2,1 Mrd. $ in der Kreide. Der größte Anteil, nicht weniger als 51 % dieser Darlehenssumme, entfällt auf deutsche Kreditinstitute, allen voran die Deutsche Schiffsbank, eine gemeinsame Tochter der Commerzbank, der Dresdner sowie der Vereins- und Westbank, sowie die Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Bei der Bedienung der Kredite gibt es Schwierigkeiten. Der Darlehenssumme von 2,1 Mrd. $ standen im vergangenen Jahr ein Umsatz der fünf Branchenführer von 833 Mill. $ und Gewinne (Ebitda) von insgesamt 172,4 Mill. $ gegenüber. Nach Informationen aus Finanz- und Schifffahrtskreisen in Piräus verhandeln bereits mindestens drei der fünf gelisteten Reedereien über eine Umstrukturierung ihrer Darlehen. An der Börse frisches Kapital zu beschaffen ist angesichts der seit 2000 abgestürzten Aktienkurse wenig aussichtsreich. Mehrere Reedereien versuchen ihre Cashflow-Probleme deshalb durch den Verkauf von Schiffen zu lindern. Vier erst Ende der 90-er Jahre gebaute moderne Autofähren wurden in jüngster Zeit bereits ins Ausland veräußert.

Die schlechte Ertragslage ist unter anderem das Resultat des hohen Ölpreisniveaus. „Die Kostendeckung liegt bei einem Ölpreis von rund 20 $, heute liegen wir aber bei 24 bis 25 $“, rechnet Analyst Xiradakis vor. Auch die – trotz vorgeblicher Deregulierung des Marktes – immer noch staatlich festgesetzten Transporttarife, die um bis zu 66 % unter den vergleichbaren Raten in anderen europäischen Ländern liegen, strangulieren die Branche.

Da bleibt den Reedern nur ein schwacher Trost: Die niedrigen Fahrpreise haben die griechischen Fährschiffreeder bisher vor ausländischer Konkurrenz bewahrt: „Zu diesen Tarifen will doch keiner fahren“, winkt Xiradakis ab.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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