Vileda-Hersteller Freudenberg
Ein Grasbesen für Indien

250 Millionen indische Haushalte kehren noch mit Grasbesen. Darum baut der Vileda-Hersteller Freudenberg die Naturfaser nun künstlich nach. Die modernen Grasbesen sollen besser kehren als das Original.
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WeinheimInnovationen müssen nicht immer bahnbrechend sein. Das zeigt das Weinheimer Familienunternehmen Freudenberg. Eigentlich ist der Mischkonzern mit Marken wie Vileda dafür bekannt, eher komplexe Probleme zu lösen. Vor zig Jahren wurde hier der Simmering erfunden, die erste Dichtung für sich drehende Wellen. Doch Freudenberg kann auch anders. In Indien hat das Unternehmen den dort weit verbreiteten Grasbesen künstlich nachgebaut und damit einen echten Verkaufsschlager gelandet. „Das Teil läuft wie verrückt“, freut sich Tilman Krauch, im Freudenberg-Vorstand unter anderem für Innovationen zuständig.

Der Besen wurde der Natur im wahrsten Sinne des Wortes nachempfunden – ganz nach dem Bionic-Modell. Man habe die Eigenschaften der in Indien üblicherweise verwendeten Grasfasern analysiert, die Struktur und den Aufbau des Besen – eben alle die Dinge, die man in den 250 Millionen Haushalten in Indien so schätzt, berichtet Krauch. Gemeinsam mit den Nutzern  wurde dann der Besen mit künstlichen Fasern nachgebaut.

Herausgekommen ist ein simples Kehrgerät mit schmalen und langen Borsten, das Freudenberg nur in Indien verkauft. „Wer den Besen sieht, weiß sofort, warum wir ihn nicht auch in Europa auf den Markt bringen“, sagt Krauch lachend. Tatsächlich sind die Anforderungen in beiden Regionen der Welt grundsätzlich andere. Das beginnt schon bei der Beschaffenheit des Bodens und endet beim Sauberkeitsanspruch. Inder sind Staub gewohnt. Der bislang gebräuchliche Grasbesen staubt fast mehr als dass er kehrt. Zum einen können die Gräser den Staub nur mangelhaft binden, zum anderen geben die Gräser gerade in der ersten Zeit selbst jede Menge Partikel ab, etwa Grassamen.

Die Kunststofffasern, entwickelt von den Kollegen, die bei Freudenberg Fasermaterialien  etwa für Dächer herstellen, binden dagegen den Staub. Selbstbewusst haben die Entwickler ihre Idee deshalb  auch  „no dust broom" genannt.

Freudenberg zählt mit rund 40000 Mitarbeitern zu den größten Familienunternehmen Deutschlands. Was vor über 150 Jahren als Gerberei begann ist heute ein großes und breit  aufgestelltes Unternehmen. Das Unternehmen stellt etwa Schwingungstechnologie für die Autoindustrie oder Vorprodukte für die Medizintechnik auf Vliesstoff-Basis her.

Im vergangenen Jahr konnte das Unternehmen seinen Umsatz um 6,3 Prozent auf 7,04 Milliarden Euro steigern. Das Konzernergebnis schnellte sogar um 19 Prozent auf 478 Millionen Euro in die Höhe. Die Umsatzrendite stieg auf einen für ein fertigendes Unternehmen beachtlichen Wert von  9,1 Prozent.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

Kommentare zu " Vileda-Hersteller Freudenberg: Ein Grasbesen für Indien"

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  • Indien ist jetzt schon das dreckigste Land der Erde, mit Plastikmüll an jeder dritten Ecke, da kommt ein Besen aus künstlichen Fasern gerade recht. Was ist das Konzept des Herstellers diese Dinger wieder zu entsorgen, wenn nötig? Ohne eines wäre es ein weiteres Verbrechen an der Natur.

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