Vom Handel mit Emissionsrechten hängt ab, welche Kraftwerke die deutschen Versorger künftig bauen werden
Strombranche will besser planen können

Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat die Energiebranche aufgeschreckt: Durch den geplanten EU-weiten Handel mit Emissionsrechten könne sich die Kreditwürdigkeit der europäischen Versorger verschlechtern, so lautet das Fazit einer in diesen Tagen veröffentlichten S&P-Studie.

DÜSSELDORF. Vielen Unternehmen drohe mittelfristig eine Abstufung ihres Ratings, Kredite würden sich dann verteuern. „Der Emissionsrechtehandel wird sich vor allem für Konzerne bemerkbar machen, die viele Kraftwerke auf Kohle- und Öl-Basis betreiben, wie Eon, RWE, Enel und Endesa“, teilte die Agentur mit.

Das Thema ist für die Versorger in der Tat brisant. Keine Branche stößt so viel vom schädlichen Treibhausgas Kohlendioxid aus wie die Energiekonzerne: rund 360 Mill. Tonnen pro Jahr. Je nachdem wie der Handel ausgestaltet wird, können Betreiber von Kohlekraftwerken massiv belastet und Besitzer von Windrädern begünstigt werden. Energieexperten sind sich deshalb einig: Durch die EU-Richtlinie kann sich der Energiemix in Deutschland drastisch verändern. Die Kohle, die über 50 % zur Stromerzeugung beisteuert, kann rasant an Bedeutung verlieren.

„Man muss sich jetzt Gedanken, über den Energiemix der Zukunft machen“, fordert Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW). Die Planungen für den Bau künftiger Kraftwerke müssten bald beginnen. In den nächsten 20 Jahren stehen nach Branchenschätzungen Investitionen von 30 bis 40 Mrd. Euro an, weil Kernkraftwerke durch den Atomausstieg ausfallen und Kohleanlagen marode sind.

Die Politik arbeitet derzeit daran, die Planungssicherheit zu schaffen, die die Branche fordert: Die Bundesministerien für Wirtschaft und Umwelt arbeiten mit Hochdruck an entsprechenden Plänen. RWE-Chef Harry Roels sieht den Prozess in „seiner entscheidenden Phase“.

Das Thema Emissionsrechtehandel und Energiemix ist politisch brisant: Während Bundeswirtschaftminister Wolfgang Clement die starke Rolle der Kohle bewahren will, will Umweltminister Jürgen Trittin den Anteil der Erneuerbaren Energien bis 2020 von 8 auf über 20 % ausbauen. Bis März 2004 muss sich die Bundesregierung einigen. Dann muss der so genannte Nationale Allokationsplan stehen, der den einzelnen Branchen vorgibt, wie viel sie vom schädlichen Kohlendioxid ausstoßen dürfen. „Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf RWE sind erst dann kalkulierbar, wenn der endgültige Plan der Bundesregierung auf dem Tisch liegt und von der EU-Kommission genehmigt ist“, sagte Roels. „Das wird voraussichtlich Mitte nächsten Jahres der Fall sein.“

Dabei gibt es in der Branche unterschiedliche Interessen. Eon dürfte nach der Fusion mit Ruhrgas ein großes Interesse an der Begünstigung schadstoffarmer Gaskraftwerke haben. RWE und die Vattenfall Europe AG, die viel Braunkohle fördern und verstromen, machen sich dagegen massiv für die Beibehaltung des Energiemixes stark.

RWE verweist auf neue Kraftwerkstechniken, die Schadstoffe reduzieren: So habe das neue Braunkohlekraftwerke in Niederaußem die Kohlendioxid-Emissionen um 30 % gesenkt, heißt es. Vattenfall Europe betont dagegen seine hohen Vorleistungen. Das Unternehmen hatte nach der Wende die maroden Braunkohlekraftwerke aus DDR-Zeiten übernommen und für 9 Mrd. Euro ein Kraftwerk modernisiert und drei Neue gebaut.

Die Kohlendioxid-Emissionen reduzierten sich damit um 50 Mill. Tonnen, der Wirkungsgrad der Kraftwerke stieg um zehn Prozentpunkte auf bis zu 42 %. „Diese Leistungen müssen im Rahmen der kommenden Ausgestaltung des Emissionszertifikatehandels anerkannt werden, damit wir nicht doppelt zur Kasse gebeten werden“, fordert Vorstandschef Klaus Rauscher.

Das sieht Fitz Vahrenholt, Chef des Windkraftbetreibers Repower natürlich anders: „Der heutige Energiemix ist nicht zukunftsfähig.“ Der Kohlendioxid-Anteil sei zu hoch, aber auch der Anteil der importierten Energieträger wie Gas. Er ist überzeugt, dass die Erneuerbaren Energien bis 2020 durchaus einen Anteil von 20 % erreichen können.

Auf Verbandsebene hat die Branche trotz aller Differenzen einen gemeinsamen Nenner gefunden. Der VDEW hat in einem Positionspapier die Forderungen an die Politik zusammengetragen. „Die Kohlendi- oxid-Emissionsberechtigungen müssen kostenfrei und entsprechend dem Bedarf der Unternehmen zugeteilt werden“, fordert der VDEW. Dabei solle der Kohlendioxid-Ausstoß der vorigen fünf Jahre zugrunde gelegt werden, um Vorleistungen anzuerkennen. Legt ein Versorger eine Anlage still, müsse er die Verschmutzungsrechte auf neue Kraftwerke übertragen dürfen.

Problematisch sei der politisch gewollte Ausstieg aus der schadstofffreien Kernkraft, heißt es beim VDEW: „Die dadurch entstehenden Mehremissionen müssen durch die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten kompensiert werden.“

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