Vor dem großen Ausverkauf
Schlecker-Frauen sollen umschulen

Der Ausverkauf bei Schlecker beginnt. Das müssen die Mitarbeiterinnen trotz Kündigung noch stemmen. Ihre Zukunft ist indes noch ungewiss. Die Idee der Politik: Die Verkäuferinnen sollen Mangelberufe besetzen.
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BerlinIn den bundesweit noch rund 2800 Filialen der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker beginnt am Freitag der Ausverkauf. Waren wie Waschmittel, Toilettenpapier oder Shampoo sind um 30 Prozent reduziert, ausgewählte Produkte wie Saisonware oder Dekorationsartikel um 50 Prozent. Ausgenommen sind Zeitschriften und Bücher, für die die Buchpreisbindung gilt. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hatte am vergangenen Freitag nach vergeblicher Investoren-Suche die endgültige Zerschlagung der Kette bekanntgegeben. Die meisten Mitarbeiter sollen ihre Kündigungen bis Ende Juni erhalten.

Nach dem endgültigen Aus der insolventen Drogeriekette Schlecker suchen Tausende Mitarbeiter eine neue Perspektive. Nach den Vorstellungen von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Arbeitsagentur-Chef Frank-Jürgen Weise könnten die gekündigten Schlecker-Beschäftigten Fachkräftelücken in anderen Branchen füllen. Besonders gesucht würden Erzieher und Altenpfleger. Die Arbeitsagenturen wollten ihnen vollwertige Umschulungen in diese Mangelberufe anbieten, kündigten von der Leyen und Weise am Donnerstag in Berlin an.

In strukturschwachen Räumen könnten viele Schlecker-Frauen keine Anstellung im Handel finden, bei Erziehern oder in der Altenpflege aber sei der Bedarf groß. „Hier müssen wir passgenau qualifizieren“, sagte von der Leyen. „Ich will den Frauen Mut zusprechen, einen Neuanfang zu wagen.“ In verschiedenen Bundesländern protestierten am Donnerstag erneut Hunderte von Schlecker-Mitarbeitern, die Angst um ihre Zukunft haben. Viele fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Nach der Insolvenz der Drogeriekette Schlecker müssen der Arbeitsministerin zufolge etwa 25.000 Beschäftigte - meist Frauen - neue Arbeit suchen. Von den 11 190 in der ersten Welle im Frühjahr Entlassenen seien bislang rund 5000 in Arbeit oder Fördermaßnahmen vermittelt worden. Weniger als 2500 hätten einen vollwertigen Job angetreten. „Das ist keine Zahl, die beruhigt, sie zeigt aber eine gewisse Dynamik“, sagte Weise. Viele Schlecker-Beschäftigte hätten wertvolle Berufserfahrung und würden auf dem Arbeitsmarkt gesucht.

Zugleich gebe es im Einzelhandel bei 25.000 offenen Stellen derzeit aber rund 360.000 Arbeitssuchende, betonte Verdi-Chef Frank Bsirske. Viele Schlecker-Frauen seien nach der ersten Kündigungswelle lediglich in unbezahlte Praktika oder Urlaubsvertretungen vermittelt worden. „Es kann nicht sein, dass sie jetzt als billige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen“, betonte er.

Während der zweijährigen Berufsqualifizierung zu Erzieherinnen oder Altenpflegern für strukturschwache Räume sollen die ehemaligen Schlecker-Beschäftigten Arbeitslosengeld I erhalten.

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  • Der Beruf der Kindergärtnerin existiert so nicht mehr. Üblicherweise arbeiten in den deutschen Kindergärten Erzieherinnen, die üblicherweise 5 Jahre Ausbildung hinter sich haben. In den meisten anderen Europäischen Ländern ist gar ein Hochschulstudium erforderlich.
    Es ist nämlich ein Unterschied, ob ich ein bzw. zwei eigene Kinder betreue oder 25 fremde Kinder.
    Kindergarten ist nicht nur Betreuung sondern auch Bildung. Ansonsten würde es ja ausreichen die Kinder daheim vor dem Fernseher sitzen zu lassen und was zu Essen in den Kühlschrank zu stellen.

  • Das SCHLECKER-Desaster - Wenn man sich den Führungsstil von Anton Schlecker & Frau anschaut, wurde es Zeit, dass solche Unternehmer vom Markt verschwinden. Lieferanten, Mitarbeiter und Kunden wurden permanent gemolken, bis es nicht mehr geht - keine Partnerschaften auf Augenhöhe, Kapitalismus wie zu Marx' Zeiten. Das war aber auch nur möglich, weil sich zahlreiche Lieferanten, Mitarbeiter und Kunden auf ein solches Täter-Opfer-Spiel einließen. Die Zeiten haben sich nunmehr geändert - allen Menschen wird zunehmend Authentizität abverlangt, kein Ausbeuten und auch kein Verbiegen mehr, Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Insofern können alle Beteiligten und auch Beobachter aus der SCHLECKER-Geschichte nur lernen ...

    Was nun den politischen Aktionismus betrifft, ehemalige Verkäuferinen zu Erzieherinen umzuschulen zu wollen, so ginge diese Rollenspiel wieder weiter. Man kann nicht ein Bügeleisen einfach so zu einer Himbeerpflückmaschine umfunktionieren, und Erzieher ist ein Beruf, ja sogar eine Berufungung. Wir Menschen sind keine Roboter, die sich einfach so disponieren lassen, wie sich andere das im operativen (politischen) Tagesgeschäft so denken. Jeder Mensch ist einzigartig, ausnahmslos jeder, und das sollte von der Politik, deren Behörden (z.B. Jobcenter) und auch allen Menschen endlich einmal verinnerlicht werden. Diese Umschulungskampagne, bei der ehemalige SCHLECKER-Mitarbeiter durch die gleiche Schablone gezogen werden, wird mit Sicherheit dass nächste Desaster, wenngleich unspektakulärer ablaufen ...

  • Also in Griechenland hätte ich diese Ansicht verstanden, weil es nämlich ein ziemlich protektionistischer Gedanke ist, der sich in der Realität als falsch erweist. Es sind in der Regel keine Erzieher, die im Kindergarten arbeiten, sondern Kindergärtnerinnen. Das ist eine spezielle Ausbildung.
    Wenn ich heute ein Geschäft eröffne, dann schaue ich, dass ich Leute mit dem richtigen Profil finde und nicht nur nach der höchsten Qualifikation, die sich in dieser Richtung auf dem Arbeitsmarkt finden lässt. Zum Haus bauen gibt es Bauarbeiter und Architekten. Und warum soll das in der Kindererziehung anders sein? (Jeder, der selbst Kinder hat, weiss, dass es sehr viele Arbeiten gibt, die als rein haushältlich zu beschreiben sind)

    Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Ausbildung und guter Erziehung der Kinder. Sonst wäre ein grosser Teil von Afrika nicht imstande, seine Kinder gut zu erziehen. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein.
    Wichtig ist, dass die Person eine Affinität mit Kindern hat, aber auch die nötigen Handlungen der Kinderversorgung verrichten kann. Das ist die Grundvoraussetzung und dazu dann die nötigen theoretischen Kenntnisse berufsbegleitend und so könnte doch zumindest ein Teil dadurch eine neue Perspektive bekommen. Und die Kindergärten könnten mehr Plätze anbieten. Vielleicht würde eine Umschreibung der Aufgaben der jeweiligen Qualifikationen helfen, um das Misstrauen abzubauen.

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