Vorwürfe gegen Bieterkonsortium
Neuer Wirbel um Hapag Lloyd

Seit Monaten kommt der Verkauf der Hamburger Traditionsreederei nicht aus den Schlagzeilen. Jetzt sind die Angebote abgegeben – und noch immer tobt der Streit. Das Hamburger Bieterkonsortium warnt, ein Zuschlag für den Konkurrenten NOL aus Singapur sei ein „Schaden für Deutschland“. Unsinn, sagen Asienexperten, und werfen den Hamburgern Irreführung und Doppelzüngigkeit vor.

HAMBURG. Der Bieterkampf um die Hamburger Traditionsreederei Hapag-Lloyd hat einen Konflikt über den Umgang mit der Konkurrenz aus Singapur ausgelöst. Der Ostasiatische Verein (OAV) in Hamburg, ein Dienstleister der deutschen Asienwirtschaft, wirft dem Hamburger Bieterkonsortium Heuchelei und Schädigung des Wirtschaftsstandorts Hamburg vor. „Die jüngsten Äußerungen schädigen das Image Hamburgs als liberaler, weltoffener Handelspartner“, sagt der OAV-Vorsitzende Eckhard Rohkamm. „Auch im Wettbewerb sollte man gewisse Standards wahren.“

Wolfgang Peiner, der ehemalige Finanzsenator der Hansestadt und heutige Koordinator des Hamburger Bieterkonsortiums für Hapag Lloyd, hatte Singapur in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ als „autoritären Stadtstaat“ bezeichnet, der dem „konkurrierenden Schifffahrtsstandort Hamburg das Wasser abgraben will“. Hintergrund ist, dass Singapur über seinen Staatsfonds Temasek an der Reederei NOL beteiligt ist, die ebenfalls für Hapag-Lloyd bietet. Tui, der jetzige Eigentümer, will die Reederei verkaufen, um Schulden abzubauen und das Tourismusgeschäft zu stärken. Die Angebotsfrist ist seit wenigen Tagen abgelaufen.

Es gibt nur zwei Bieter: ein Hamburger Konsortium, an dem sich neben verschiedenen Unternehmern und Unternehmen auch die Stadt Hamburg mit einem dreistelligen Millionenbetrag beteiligt, und die Reederei NOL aus Singapur. Der Hamburger Konsortiumssprecher Peiner warnt, ein Zuschlag für NOL wäre ein „Schaden für Deutschland.“

Diese Einschätzung hält Asienexperte Rohkamm für gefährlich und unlauter. „Zwischen Hamburg und Singapur besteht keine Konkurrenzsituation, sie sind beide wichtige Logistikdrehscheiben, die davon profitieren, miteinander gut zusammenzuarbeiten“, sagt der OAV-Vorsitzende. Er wirft dem Hamburger Bieterkonsortium Irreführung vor. Es sei offenbar ruchbar, wenn Asiaten in Deutschland investieren. Umgekehrt aber spiele Politik wohl keine Rolle. „Der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust war vor zwei Jahren mit einer Wirtschaftsdelegation in Singapur und hat sich mit Regierungschef Lee getroffen“, sagt Rohkamm. „Ich war selbst dabei. Die beiden haben sich bestens miteinander unterhalten.“

Nach Angaben der Handelskammer Hamburg unterhalten allein 487 Firmen aus Hamburg ständige Wirtschaftsbeziehungen nach Singapur, 130 seien selbst in Singapur mit eigenen Organisationen vor Ort. Wegen der herausgehoben Stellung ihrer Häfen seien die beiden Städte zentrale Handelspartner, die einander bräuchten

Mitarbeiter von Hapag-Lloyd befürchten, bei einem Zusammenschluss zwischen NOL und Hapag-Lloyd könnten 2000 Arbeitsplätze in und um Hamburg eingespart werden. Dies allerdings folge der normalen industriellen Logik, die für Hamburg nicht einfach außer Kraft gesetzt werden könne, sagt Rohkamm: „Ich habe jedenfalls keine Proteste in Erinnerung, als Hapag-Lloyd den Norddeutschen Lloyd aus Bremen übernommen hat“, sagt der OAV-Chef und verweist auch auf den Fall CP Ships 2005. Damals war Hapag-Lloyd in der Rolle des Übernehmers. Durch die Fusion fielen bei CP Ships 2000 Arbeitsplätze weg, die Zentrale in Montreal wurde geschlossen. CP Ships hat in Kanada eine nicht minder große Tradition wie Hapag in Hamburg.

Wer den Zuschlag für Hapag-Lloyd bekommt, entscheidet der jetzige Eigentümer Tui. Dessen Vorstandsvorsitzender Michael Frenzel prüft derzeit die Angebote, die am vergangenen Freitag eingegangen sind. Beide sollen bei rund vier Milliarden Euro liegen. Eine Entscheidung, wer den Zuschlag erhält, will Tui Mitte Oktober treffen.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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