Wachstum und Expansion um jeden Preis zu den Akten gelegt
Die Reise-Riesen haben sich kräftig verhoben

Nach den Bieterschlachten in den 90er-Jahren sind die Kassen der Tourismuskonzerne leer. Mit Personalabbau und Kostensenkungen wollen Tui und Thomas Cook der Malaise entkommen.

HB DÜSSELDORF. Wenn Vorstandschefs selbst in ihren Hauspostillen vom Ende einer Vision erzählen, muss die Lage höchst kritisch sein bei den großen Tourismuskonzernen: „Die Zeiten der Sonnenscheinbranche sind vorbei“, überschreibt die Zeitung „Lufthanseat“ ein aktuelles Interview mit Thomas-Cook-Chef Stefan Pichler. Die Tui-Oberen stimmten ihre Mitarbeiter bereits im Mai auf ungemütliche Zeiten ein. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die gute alte Welt nicht mehr existiert“, mahnte Vorstandschef Michael Frenzel im Mitarbeiterblatt „Tui-Times“.

Die gute alte Welt hieß Wachstum und Expansion um jeden Preis. In gemeinsamen, milliardenschweren Bieterschlachten kauften sich Tui und Thomas Cook in den späten 90er-Boomjahren ein Portfolio aus Reiseveranstaltern, Ferienfluglinien und Hotels zusammen, um alle Urlaubsdienstleistungen aus einer Hand anbieten zu können. Auf dem Gipfel der Urlaubseuphorie blätterte die Tui im Mai 2000 sechs Milliarden Mark für den britischen Reiseveranstalter Thomson Travel hin.

Jetzt, in der neuen Welt nach dem 11. September 2001, ist die Tui mit ihren mehr als 80 Touristikmarken hoch verschuldet und die große Wachstumsstory vorbei. „Voraussichtlich wird der deutsche Touristikmarkt zum Jahresende 25 % kleiner sein als 2001“, prophezeit Thomas-Cook-Chef Pichler, der seinen Eigentümern Lufthansa und Karstadt Quelle wegen tiefroter Zahlen Sorgen bereitet. In den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahrs 2002/2003 (November bis April) lag das Cook-Minus vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bei 349 Mill. Euro.

Preise im Tiefflug

Tui und Thomas Cook wollen der Malaise mit dem Abbau von Personal und weiteren Kostensenkungen entkommen. Während Pichler in einem radikalen Schnitt 35 % seiner Cook-Ferienflugflotte (der früheren Condor) vom Markt nimmt, will Frenzel jährlich 360 Mill. Euro Kosten aus dem Tui-Konzern herausschneiden. Die Börse ist über derlei Abbaumaßnahmen tief enttäuscht: Aktien der Tui, die Anfang 2000 noch bei fast 60 Euro notierten, waren im März 2003 weniger als acht Euro wert. Zwar steigen die Buchungszahlen branchenweit an, und die touristische Hochsaison läuft besser, als in Tagen des Irak- Krieges befürchtet. Doch trotz dieser Erholungstendenzen liegen die Umsätze der Reisekonzerne noch rund 8 % unter dem bereits schwachen Vorjahr. „In Summe bleibt das Minus“, sagte ein Tui-Sprecher.

Der Rückstand gegenüber dem Vorjahr sei wohl nicht mehr aufzuholen, heißt es auch bei der Thomas Cook AG. Nach dem zweiten Quartal habe der Rückstand gegenüber dem Vorjahr noch mehr als 8 % betragen. Optimistischer gibt sich dagegen Rewe-Touristik, die drittgrößte Kraft im deutschen Reisemarkt. Gegen den Markttrend lägen die Umsätze nur noch um 3,5 % hinter dem Vorjahr zurück.

Alle Wettbewerber schmerzt zudem, dass sich die Preise – angestachelt vom Boom der Billig-Airlines – im Tiefflug befinden. Hartmut Moers, Analyst bei Sal. Oppenheim, geht davon aus, dass Urlaubsreisen im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 13 bis 14 % billiger geworden sind – mit entsprechenden Auswirkungen auf die ohnehin traditionell schwachen Margen im Touristikgeschäft. Für die Belegschaft der Reise-Riesen verheißt das nichts Gutes. „Redimensionierung, Kapazitätsabbau und der Zwang zur Produktivitätssteigerung machen im schlimmsten Fall einen Abbau von 1 200 Stellen im Laufe der nächsten drei Jahre in Deutschland notwendig,“ sagt Thomas-Cook-Chef Pichler. Beim Erzrivalen Tui sollen 2 000 der insgesamt 70 000 Arbeitsplätze wegfallen – das Ende einer Vision vom perfekten Urlaubskonzern.

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