Wal-Mart
Der große Schweiger lernt sprechen

263 000 000 000 Dollar. Zweihundertdreiundsechzig Milliarden Dollar. Erst haucht Ray Bracy diese Zahl ehrfurchtsvoll, dann hebt er seine Stimme, wird energischer, schließlich wieder sanft und leise. Er wiederholt diese Zahl in allen Tonlagen, zu denen der zwei Meter große Mann fähig ist. Und das sind einige. „263 Milliarden Dollar, so viel Geld sparen alle US-Bürger durch die niedrigen Preise von Wal-Mart.“

HB WASHINGTON. Ein Jahr lang hat der Kommunikationschef des weltweit größten Handelskonzerns auf diesen Auftritt hingearbeitet, 18 Ökonomen der renommierten Researchfirma Global Insight beauftragt, sich durch endlose Datenreihen zu wühlen – um diese Nachricht zu verkünden. Um den Menschen da draußen endlich schwarz auf weiß, wissenschaftlich unterlegt deutlich zu machen: Wal-Markt ist nicht so schlimm, wie die Kritiker meinen, Wal-Mart ist kein Ausbeuter der eigenen Mitarbeiter, keiner, der seine US-Zulieferer durch Billigimporte aus China in die Pleite treibt, keine Bedrohung für das Land und die Menschen.

An einem sonnigen Novembertag stellt Bracy die Ergebnisse dieser Arbeit vor – in einem Hotel der US-Hauptstadt Washington. Es ist eine Premiere gleich im doppelten Sinne. Es ist das erste Mal, dass Wal-Mart die internationale Presse nicht in die entlegene Firmenzentrale nach Bentonville einlädt, sondern ins politische Machtzentrum der USA kommt. Dort sitzt ein Großteil seiner Kritiker. Und es ist das erste Medienereignis seit Wochen, bei dem der Konzern Regie führt, statt nur auf Kritik zu reagieren.

Und diese Show darf nichts verderben – schon gar nicht das nicht unerhebliche Detail, dass die Zahl von 263 Milliarden Dollar nur der halben Wahrheit entspricht. Sie stellt den Bruttoeffekt dar, den dämpfenden Einfluss, den Wal-Marts Niedrigpreise auf die US-Inflation hatten. Dadurch sind laut Global Insight aber auch die Löhne langsamer gestiegen – mit dem Ergebnis: Unter dem Strich fällt der Wohlstandseffekt nicht einmal halb so hoch aus und verteilt sich zudem auf 20 Jahre.

Doch darüber verliert Bracy kein Wort. Es würde nicht reinpassen in die Offensive, die der Konzern jetzt gestartet hat und die er sich auch einiges kosten lässt: Für die wissenschaftliche Untersuchung hat er schätzungsweise einige Millionen ausgegeben. Für die Öffentlichkeitsarbeit hat Wal-Mart Bracy, einen der in Washington am besten verdrahteten Lobbyisten, von dem Flugzeug- und Rüstungsriesen Boeing abgeworben und zudem zwei teure Imageberater der früheren US-Präsidenten Ronald Reagan und Bill Clinton in die Zentrale im ländlichen US-Bundesstaat Arkansas geholt.

All dies soll dazu beitragen, den ramponierten Ruf des Konzerns wieder aufzupolieren. Dieser bremst die Expansion inzwischen deutlich. Lokalpolitiker, die Wal-Marts Umgang mit Mitarbeitern verurteilen, untersagten zuletzt Neueröffnungen in New York, Chicago und Los Angeles.

Den Boden dafür haben Leute wie Chris Kofinis bereitet, ein leicht untersetzter Mann mit vollen schwarzen Haaren, kräftiger Stimme und einem kämpferischen Grinsen im Gesicht. Der 36-Jährige ist Sprecher der Kritikergruppe „Wake up Wal-Mart“ – einer Initiativ der US-Einzelhandelsgewerkschaft UFCW. Denn Lebensmittelketten wie Kroger und Albertson’s, Hochburgen der Gewerkschaft, geraten durch Wal-Mart unter Druck und reagieren mit Lohnsenkungen – ein Verhalten, das UFCW nicht länger hinnehmen will.

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