Wegen technischer Probleme erneute Verschiebung des Einführungstermins bis ins nächste Jahr gefordert
Spediteure beklagen Maut-Fiasko

Der am Wochenende begonnene Probebetrieb der LKW-Maut auf Autobahnen droht zum Fiasko zu werden. Nach Beobachtungen des Speditionsgewerbes funktioniert nur ein Bruchteil der Technik. Die Branche fordert eine erneute Verschiebung des Starttermins von Anfang November ins nächste Jahr. Der Geschäftsführer des Mautbetreibers Toll Collect GmbH, Michael Rummel, hingegen sagte, der Test sei gut angelaufen.

ek/hz/slo DÜSSELDORF. „Die Technik funktioniert nicht, die Organisation ist ein Desaster“, fasst Heiner Rogge, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes, die Erfahrungen seiner Mitgliedsfirmen zusammen. Die On Board Units (OBUs) zur Erfassung der Strecken würden zum Teil unvollständig ausgeliefert. Dann müssten die Fahrzeuge zum Einbau bis zu dreimal in die Werkstatt. Völlig unterschiedliche Fehler ließen den Schluss zu, dass die gesamte Software noch nicht funktioniert. Von den OBUs arbeitet nach Berichten von Spediteuren allenfalls ein Bruchteil einwandfrei. Die Einbuchungsautomaten in den Autobahn- Raststätten seien verschiedentlich noch gar nicht angeschlossen; ohnehin wisse niemand Bescheid, wo sie überhaupt installiert seien.

„Wir haben Riesenprobleme, die sich nicht bis bis Anfang November beheben lassen“, urteilte der Präsident des Spediteure-Verbandes, Manfred Boes. Erforderlich sei eine erneute Verschiebung der Maut-Einführung bis zum 1. Januar 2004. Nur jedes dritte OBU-Gerät funktioniere, außerdem seien lediglich 70 000 Einheiten eingebaut, es würden aber eine Million Geräte benötigt.

Toll Collect-Direktor Rummel betonte, dass IT-Projekte dieser Größenordnung naturgemäß „harzige“ Anlaufphasen hätten und nicht von Anfang an zu einhundert Prozent perfekt sein könnten. Der Zeitdruck auf die Betreiber sei allerdings enorm gestiegen, weil nicht damit zu rechnen gewesen sei, dass sich die endgültige Auftragsvergabe an Toll Collect so lange verzögern würde. „Lange haben wir den Aufbau des Systems vorangetrieben ohne hundertprozentige Zusicherung seitens der Politik. Selbst heute ist auf europäischer Ebene noch manches offen“, klagte Rummel.

Nach Angaben aus Unternehmenskreisen ist die zentrale Software noch immer der größte Schwachpunkt des LKW-Mautsystems. „Es wird noch an zu vielen Kompetenten der Software gearbeitet, so dass das Zusammenspiel einfach nicht funktioniert, teilweise gar nicht funktionieren kann“, heißt es aus dem Unternehmen, hinter dem die Daimler-Chrysler Tochter Debis und die Telekom stehen.

Zudem sei die Software noch nicht unter voller Belastung erprobt worden. Eine der Folgen: Bei kleinen Eingabefehlern kommt es heute häufig zu einem Zusammenbruch des gesamten Systems. Pessimisten im Betreiberkonsortium vermuten, dass es noch etwa ein halbes Jahr dauern könnte, bis alle Fehler ausgemerzt sind. „Auf der sicheren Seite wären wir wahrscheinlich mit einem Starttermin im nächsten Frühjahr“, heißt es, doch das sei politisch nicht durchsetzbar. Ein Starttermin zum Jahresanfang 2004 gilt noch als guter Kompromiss. Vorher sei damit zu rechnen, dass die Fehlerquote eher hoch sei. Zudem bestehe Gefahr, dass Fahrten falsch erfasst würden, Mautpreller möglicherweise ungeschoren davonkämen und Speditionen fehlerhafte Rechnungen erhielten.

An dem durch den Zeitdruck ausgelösten Desaster ist Toll Collect nach eigener inoffizieller Einschätzung der Partner-Unternehmen nicht unschuldig. „Man wollte den Vertrag mit dem Verkehrsministerium einfach haben und hat sich sich auf eine völlig unrealistische Zeitplanung eingelassen“, berichtet ein mit dem Projekt Vertrauter. Wichtige Absprachen mit den Zuliefern über Standards seien unter den Tisch gefallen, und nun dauere die Abstimmung um so länger. Unklar ist, ob Toll Collect-Chef Rummel in die Schusslinie geraten ist. Während einerseits in Kreisen bereits über seine Ablösung spekuliert wird, wird ebendies von anderen Beteiligten entschieden dementiert.

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